Selbstversuch

Schau, die hat auch ein Würdedefizit

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 15/11 vom 13.04.2011

Wo Colour-Blocking allerdings schon funktioniert - nein, nicht funktioniert, eine Notwendigkeit ist -: am Land. Man sieht irgendwie nicht gut aus, wenn man in den üblichen schwarzen Stadtfetzen zwischen all dem grünen Grün sitzt, hinter Omatassen auf buntkarierten Tischtüchern. Es wäre komplett wurscht, wenn jetzt nicht jeder in seinem Handy eine Superkamera hätte, mit der immerzu fotografiert und dann in Echtzeit auf Facebook gepostet werden müsste. Kaum macht man irgendwo ein deppertes Gesicht, schaut drein wie Oma Grieskoch oder lässt sich backstage bei "Willkommen Österreich“ vom Rudi John dazu überreden, doch einmal auszuprobieren, wie schwer die Romy ist ("Na, schon gut“, "Doch, da halt sie einmal!!“, "Na, echt ni...., äh, ja, urschwer“) drückt schon einer ab, und zwei Minuten später können alle Facebook-Freunde darüber lachen, hahaha, schau, die hat auch ein Würdedefizit.

Ich verbringe meine halben Tage Leben damit, Markierungen von Fotos zu löschen, die mich in ungünstigen Situationen mit debilen Gesichtsausdrücken zeigen. Das ist nicht repräsentativ, bitte! Wenn ich einmal repräsentativ ausschaue, wird sofort nicht abgedrückt. Der daran mitgewirkt habende Herr Pertramer etwa stellte nach meiner Buchpräsentation im Rabenhof sogleich eine hübsche kleine Fotostrecke von diesem schönen Abend auf Facebook, lauter wirklich gelungene, herzerwärmende Fotos von meinem diesjahr wichtigsten Ereignis. Ich bin auf keinem davon zu sehen. Danke, sehr freundlich, wenigstens einer, der sich um meine Seele sorgt. Auch würde ich gern, wenngleich das jedem wurscht ist, keine digital ausgefransten falschen Histamatic-Bilder mehr sehen, ich habe jetzt wirklich sehr viele Histamatic-Bilder angeschaut. Seit es iPhones und Foto-Apps gibt, ist ja jeder Fotokünstler und zielt auf alles, was sich bis drei nicht hinter einer Säule oder unter einem 100-Kilo-Kerl verstecken konnte. Und stellt dann auch alles gleich auf Facebook. (Und, ja, Facebook ist an allem schuld und damit ich selber, weil ich müsste ja gar nicht. Wenn ich nur Facebook nicht so dringend brauchen würde, inspirationstechnisch, dann, ja dann. Es könnte alles so einfach sein, iiiiist es aaaaber nicht.)

Am Land jedenfalls, um auf die Ausgangsbeschwerde zurückzukommen, am Land also sind Ausnahmen von der Contra-Colour-Blocking-Regel möglich. Ja, nötig, wie ich weiß, seit ich die Markierungen von den Fotos von den ausgiebigen, inmitten fetten Grüns durchgeführten Feierlichkeiten zum Muttertag gelöscht habe, weil ich darauf, neben all den schönen, in Pink, Orange und Violett strahlenden Müttern aussah wie Witwe Graugesicht beim Jahrgängerausflug. Am Land gibt’s mich deshalb nun nur noch in radikalem Mustermix, blauweißrotgestreift und fliedertürkiskariert an glyciniengrüner Fleecejacke unter gelber Sonnenbrille. Davor scheuen auch die Fotokünstler zurück.


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