Am Apparat

Widersprechen Pfändungen der Nächstenliebe, Herr Weiss?

Telefonkolumne

Politik | Interview: Joseph Gepp | aus FALTER 16/11 vom 20.04.2011

Um 3000 stieg von 2009 auf 2010 die Zahl der Klagen, die die katholische Kirche gegen säumige Beitragszahler einbrachte. Keine Frage der Nächstenliebe, sagt Josef Weiss, Chef des Wiener Kirchenbeitragsdienstes.

Herr Weiss, widerspricht es dem Gebot der Nächstenliebe zu pfänden?

Pfändungen und Klagen sind natürlich für die Kirche unangenehm. Aber wir unterscheiden uns hier nicht von Unternehmen oder Privatpersonen - wenn jemand Schulden hat und auf Erinnerungsschreiben nicht reagiert, kann es zu einer Klage kommen.

Von 2009 auf 2010 stieg die Zahl der Klagen von 27.000 auf 30.000. Treffen Sie damit nicht auch etwa Mindest-pensionisten, die sich den Beitrag nicht leisten können?

Wir versuchen mit vielen Maßnahmen herauszufinden, ob in einer Familie vielleicht Sorgenfälle bestehen. Wenn wir darüber Bescheid wissen, finden wir immer eine Lösung. Wenn jemand jedoch nicht bezahlen will, gibt es sie nicht immer. Aber von 3,7 Millionen Beitragspflichtigen müssen nur knapp ein Prozent geklagt werden.

Wie viele Leute treten aus der Kirche aus, weil sie den Beitrag nicht zahlen wollen oder können?

Das weiß ich nicht. Viele Leute gehen ja gleich zur Behörde und melden sich ab, ohne ein Gespräch zu suchen. Dann kennen wir die Gründe nicht.

Im deutschen Freiburg entschied ein Gericht auf Klage eines katholischen Theologen, dass man Kirchenmitglied sein kann, ohne zu zahlen. Kann so etwas auch auf Österreich zukommen?

Dieser Diskurs ist nicht neu. Es gibt hier unterschiedliche Rechtsansichten, von kirchenrechtlicher und staatlicher Seite. Tatsache ist, dass es ein Finanzierungssystem braucht, um die Aufgaben der Kirche in der heutigen Gesellschaft zu bewältigen. Der österreichische Kirchenbeitrag ist nicht so schlecht, weil man auf die individuelle Lebenssituation Rücksicht nehmen kann. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Steuer direkt vom Gehalt abgezogen wird.


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