Selbstversuch

Aber jetzt fängt ein neues Leben an

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 16/11 vom 20.04.2011

Vorsorgeuntersuchung, höchste Zeit, hat die Dr. Urban gesagt, ich habe einen Termin für dich, warte, Donnerstag nach Ostern, und davor gehst du Blutabzapfen ins Labor, und zwar nüchtern, zwölf Stunden davor nur Wasser. Nein, auch keinen Kaffee, und bedenke, dass vorheriger Alkoholmissbrauch durchaus einen Einfluss auf deine Leberwerte hat. Du willst ja nicht unbedingt ein oberösterreichisches Blutbild, oder? Habe ich mir also einen Tag für das Labor ausgesucht, den letzten möglichen Tag vor den Osterferien, habe davor 72 Stunden keinen Alkohol getrunken und wie befohlen zwölf Stunden nur Wasser, und hab auch sonst alles gemacht, was die Urbanin angeordnet hat.

Um sieben Uhr früh stehe ich full of no coffee in der Küche und richte Müsli und schmiere Weckerln, und die Kinder und der Lange plappern auf mich ein, als stünden darauf nicht die allergrausamsten Strafen, und weil in der Jausenbox noch ein unberührtes Salamiweckerl von gestern liegt und es schad darum ist, esse ich das auf und dann noch ein Marmeladebrot, und dann sind die Kinder aus dem Haus, und ich dusche und ziehe mich an und mach mich auf den Weg ins Labor, und dann fällt es mir auf.

Und so etwas, sage ich zum Horwath und zur Horwathin, so etwas passiert doch definitiv immer nur mir, wem anderen, sage ich, während ich auf dem Horwath’schen Gartentisch den Gulaschlöffel ablege, wem anderen passieren solche Sachen einfach gar nicht. Aber wisst ihr was, sage ich und hebe darauf mein Bierglas, wisst ihr was, mir passiert so etwas jetzt auch nicht mehr, jetzt fängt ein neues Leben an, prost, aber leider werden wir von einem Kind unterbrochen, das angelaufen kommt, mit dem Festnetztelefon in der Hand. Da sei eine deutsche Frau dran, vom Radio, die wolle ein Liveinterview mit mir machen, wo ich denn sei. Verdammmich. Das ist jetzt nicht wahr. Ich hab mir das im Kalender notiert und im iPhone-Kalender und im Notizbuch, ich hab im Lauf der Woche per Mail Bescheid gegeben, dass ich wegen Funklochs besser am Festnetz zu erreichen sei, die ganze Woche und den ganzen Tag war mir dieses ausgemachte Sonntagabend-Radiointerview präsent, bis am Nachmittag um halb fünf, als der Horwath anmarschiert kam und sagte: Rüberkommen, gemma, bei uns gibt es Gulasch und Bier. Und wenn der Horwath zum Essen ruft, gehe ich essen, ich weiß, wann ich zu folgen habe.

Verdammmich!!!, brülle ich, reiße dem Kind das Telefon aus der Hand und klappere mit den Hölzern im Laufschritt hinüber zu unserem Haus, dass es die Laufenten von der Nachbarin in alle Richtungen zerflattert, und genau in dem Moment, als ich es keuchend in den Empfangsbereich des Telefons geschafft habe, ist die Frau vom Sender dran und sagt, Gott!sei!dank!, Frau Knecht, da sind Sie ja, wir sind bereits live auf Sendung. Hhhhhh. So etwas passiert definitiv immer nur mir.


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