Enthusiasmuskolumne  

Kann man Faschisten umpudern?

Diesmal: Die beste politische Korrektur der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 17/11 vom 27.04.2011

Es gibt Leute, die essen keinen Hirschbraten, weil in der Hirschengasse einmal eine Freundin wohnte, an die sie nicht erinnert werden möchten. Wenn dennoch eine Hirschpastete auf den Tisch kommt, schreien sie: "Weg, weg!“ Sigmund Freud vergleicht dieses Verhalten mit jenem primitiver Stämme, für die bestimmte Tiere, Objekte oder Orte tabu sind. Kommt man mit ihnen in Berührung, fällt der Tabubrecher tot um.

In Michel Leclercs Film "Der Name der Leute“ (OmU im Votiv-Kino) ist das Leben eine kontaminierte Landschaft, durch die man sich nur mit Schutzanzügen bewegen kann. Der Kolonialismus, die Shoah, die Unterdrückung der Frauen und der sexuelle Missbrauch von Kindern haben so viele Wunden geschlagen, dass es zur Condition humaine zu gehören scheint, Opfer zu sein. Die Tochter eines von den Nazis deportierten Ehepaares studiert Mathematik und heiratet den Mitarbeiter eines Atomkraftwerkes, um vor Überraschungen sicher zu sein.

Der Film balanciert über historischen Abgründen, gebannt folgt man jedem Schritt der Protagonisten: Ein Zwängler liebt eine Frau, die mit Faschos vögelt, um jene umzupolen. Eine Komödie muss ihre Figuren mehrfach falten, damit so eine Szene befreiendes Lachen auslöst: Der Sohn des erwähnten Ingenieurspaares, das stets das TV-Programm wechselt, wenn Sex oder Nazis zu sehen sind, bringt zum ersten Mal seine erotomane Freundin zum Essen mit. Sie weiß, dass eigentlich alles tabu ist: Züge könnten nach Auschwitz führen, Ferien-"Lager“ und "Gasöfen“ sind historisch einschlägig vorbelastet.

Die beiden Gäste nutzen eine Essenspause, um in der Küche sprachliche Lockerungsübungen durchzuführen: "Jetzt sag:, Jude, Jude. Ho-lo-caust!‘“ Zum Abschied umarmt das Mädchen die verhärmte Frau, als wollte sie das Trauma durch Zärtlichkeit heilen und die Wörter aus der Gefangenschaft befreien. Was für ein erlösender Augenblick: Sprich darüber!


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