Selbstversuch

Man wünscht sich, man hätte nicht

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 17/11 vom 27.04.2011

Man hört ja nie auf, seine Eltern zu enttäuschen. Fängt bei der Geburt an, hört nicht wieder auf. Man ist kein Mädchen, man ist nicht blond, man hat nicht die vorgesehene Hautfarbe, man ist zu zweit, man ist zu früh, derlei. Hat jetzt alles nichts mit mir persönlich zu tun, aber. Dann wird man größer, und es geht direkt weiter. Man schläft nicht durch, man kann nicht laufen, man zerstört wertvolle Dinge, man beißt andere Kinder, man isst nichts Grünes, man trägt nichts Rotes, man ist eine Zicke, man fürchtet sich vor kleinen Hunden, man trotzt, man weint wegen jedem Scheiß. Man will nicht in die Schule, man kann nicht gut lesen, man ist zu aggressiv, man ist zu weich, man verliert alles, man vergisst alles, man ist ein Träumer, all sowas. Man hat schlechte Noten. Man hat die falschen Freunde. Man raucht. Man kifft. Man wählt ÖVP. Man enttäuscht seine Eltern, auf jede erdenkliche Art.

Und wenn man dann alles überstanden hat, Kindheit, Pubertät, Jugend, wenn man das Elternhaus verlassen und sich eine eigene, autonome Existenz aufgebaut und ein selbstverantwortliches Leben geschaffen hat, wenn man hunderte von Kilometern entfernt 30 wird, 40 wird, eigene Kinder kriegt, eigenes Geld verdient: Dann hört es trotzdem nicht auf. Eltern zu haben heißt, sie zu enttäuschen.

Aktuell zum Beispiel versuche ich meinem Vater am Telefon zu erklären, dass ich seit Jahren kein Dokument mehr verloren habe, was zum Teil auch stimmt, wenn man jetzt einmal das Geldbörserl, das letztes Jahr in Kroatien verschwand, nicht als verloren betrachtet, sondern als gefladert.

Der Vater seufzt nicht einmal mehr: Er hat einem das alte Stangl-Puch, mit dem man mit 16 gefahren ist und das jahrelang zerlegt in seiner Werkstatt lag, in hunderten Stunden wieder zusammengeschraubt, geölt, poliert, einen neuen Sattel draufgemacht, Reflektoren angebracht und es auf einem Anhänger ins Waldviertel gefahren. Und er hat auf komplizierte Weise den verschwundenen alten Typenschein ersetzt, war dafür auf der BH und hat mit Magna Steyr telefoniert und war wieder auf der BH, und er hat ihn in ein Kuvert gepackt und der Tochter geschickt und die findet ihn jetzt, wo das Mopperl endlich angemeldet werden sollte, nicht mehr. Verschwunden. Weg.

Zwei Wohnungen auf den Kopf gestellt, einen Altpapiercontainer durchwühlt, bis man auf die Zeitungen aus dem 2009er-Jahr stieß: nix. Schlaflose Nächte: Man hat es wieder getan. Man hat wieder die Eltern enttäuscht. Man wünscht sich, man hätte nicht. Man wünscht sich, man hätte ein paar von den ordentlichen Genen der Vorfahren bekommen. Man wünscht sich deshalb auch, man wäre für einmal nicht schuld gewesen, aber dann ... Lieber nicht. Weil falls dem peniblen Vater einmal passiert, was der schlamperten Tochter andauernd passiert, dann heißt das auch nichts Gutes. Besser die Eltern enttäuschen, solange es nur geht.


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