Neu im Kino

Eine Tragikomödie der Zugehörigkeit: "La Nana“

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 18/11 vom 04.05.2011

Wir dürfen uns Raquel nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ihr Dasein ist eine unablässig laufende Tretmühle. Tag für Tag weckt das Dienstmädchen die Familienmitglieder, serviert ihnen Mahlzeiten und putzt. Ihr Pensum ist erst erfüllt, wenn das Abendgeschirr gespült ist. Eine andere Existenz als die der Dienstbarkeit kann sie sich nicht vorstellen; sie erfüllt sich auf einem Minenfeld der Kompetenzen und Intimsphären. Raquel schläft schlecht und nimmt Tabletten gegen ihre Migräne.

Der Chilene Sebastian Silva taucht ihre Welt in die blassen Farben der Depression. Er versteht seinen Film "La Nana“ indes nicht als Satire auf Klassenverhältnisse. Raquel ist keine aufsässige Zofe, sie steht in Diensten einer liberalen, großbürgerlichen Familie, in der zwar ein Autoritätsvakuum herrscht, die Kinder jedoch keine dramatischeren Probleme als die des Wohlbehütetseins kennen. Man begegnet ihr mit zweckmäßiger Herzlichkeit. Das Haus ist ihr eine Trutzburg freiwilliger Unmündigkeit. Dort ist sie unentbehrlich, aber nicht unersetzlich: Nach einigen Schwindelanfällen will ihr die Hausherrin eine Hilfe zur Seite stellen. Starrköpfig verteidigt Raquel fortan ein Territorium, das nicht ihr eigenes ist.

Mit unerbittlicher, unparteiischer Agilität kundschaftet die Kamera die häuslichen Scharmützel aus. Ein genügsamerer Film wäre in der Aussichtslosigkeit dieses Konflikts verharrt. Silva hält eine großzügigere Wendung parat. Die lebensfrohe Lucy, die als Rivalin engagiert wird, erweist sich als patente Kameradin. Das wird für Raquel zu einer verwirrenden Lektion in Zugehörigkeit - Lucys innere Unabhängigkeit erwächst aus der engen Bindung an ihre eigene Familie -, eine sacht konservative Initiation, an deren Ende man sie sich durchaus als einen glücklichen Menschen vorstellen darf.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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