Selbstversuch

Und plötzlich tut sich ein Spalt auf

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 18/11 vom 04.05.2011

Also es war so. Man hat es dann irgendwann nüchtern ins Labor geschafft und ließ sich dort stechen. Bedauerlicherweise war es einem diesmal nicht gelungen, sich zuvor drei Tage lang in önologischer Enthaltsamkeit zu üben, sondern hatte Ritter d. Ä. für zwei Tage am Land zu Gast usw. Aber dann machte die Dr. Urban, während sie die Ergebnisse studierte, trotzdem ein freundliches Gesicht und empfahl einem zur nicht geringen Überraschung, idealerweise genauso weiterzuleben wie bisher. Und, weil tadellose Leberwerte trotz Ritter d. Ä., auch so weiterzutrinken.

Das hörte man natürlich gern, ja fand es überaus zelebrationswürdig, marschierte also sogleich in die nächstgelegene Weinhandlung, besorgte eine gekühlte Flasche Sprudelwein und besuchte wieder einmal den Verleger in seinem Verlag, da war man eh schon lang nicht mehr.

Es zeigte sich, dass eine Flasche natürlich überhaupt nicht reichte, zumal durch Zufall bald Joachim Lottmann dazuschneite und einer Konsumptionspartizipation nicht abgeneigt war. (Man hat den mittlerweile kennengelernt, zu keinerseitigem Schaden.)

Der Verleger, unverlegen, öffnete sogleich einen Kühlschrank, und sieh an, dieser enthielt weiteren Sprudelwein. Das war gut, aber auch nicht gut, da man der geschätzten Buchhändlerin und Autorin Petra Hartlieb angekündigt hatte, der Präsentation ihres und ihres Co-Autors Claus Bielefeld gelungenen Erstlingskriminalwerks "Auf der Strecke“ (Diogenes) beizuwohnen. Das geschah und war sehr nett, aber es wird die Nachbarin List, die ebenfalls vor Ort war, nicht weiter verwundern, dass man sich im Zuge der Heimkehr dann direkt vor der Haustür noch das Knie aufschlug. Die Schuhe! Es lag an den dummen Schuhen. Und daran, dass es halt nicht immer so kommt, wie man geplant hat.

Zum Beispiel stehen wir Montag früh um zehn vor acht 576 Meter über dem Meer auf einem Waldviertler Hügel und vertreten uns die Füße. Die Kinder sollten schon in der Schule sein, der Lange im Büro, die Mutter im letzten Drittel dieser Kolumne, davon sind wir gut 100 Kilometer entfernt, denn hinter uns bastelt ein Mechaniker an unserem Auto herum.

Doch vor uns: Vor uns flüstert die Sonne die Landschaft wach, die sich weiter unten noch in den Nebel verkriecht. Aber oben lächeln schon die Wiesen, und der Wald schaltet die Wipfel ein. Es ist schön. Es ist so schön, dass man sich denkt: Gut, dass das Auto kaputt ist, sonst könnte man jetzt nicht hier stehen, völlig nutzlos hier stehen und in die Weite schauen. Man würde das nicht sehen. Man wäre nicht einen Moment lang ganz unsinnig glücklich.

War man aber. Und kam irgendwann später dort an, wo man zu sein hatte, und tat, was vorgesehen war und eingeplant. So ist es. So muss es sein; man lebt ein Leben und verpasst dadurch ein anderes, und plötzlich tut sich ein Spalt auf und es schimmert herein, und es ist perfekt so.


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