Kritik

Fünf Stunden Tschechow: der Salon als Installation

Lexikon | aus FALTER 19/11 vom 11.05.2011

Mit diesen depressiven Tschechow-Charakteren habe ich nichts gemeinsam: Ich kann ihnen nicht helfen, und sie können mir nicht helfen“, sagte der Regisseur Alvis Hermanis in einem Falter-Interview. "Vielleicht finde ich ja noch einen Zugang, wenn ich älter bin.“ Schon eineinhalb Jahre später ist es nun so weit: Im Akademietheater hatte die erste Tschechow-Inszenierung des Letten Premiere. Dass die Vorstellung um sechs beginnt, lässt zu Recht auf einen langen Abend schließen: Fünf Stunden nimmt sich Hermanis Zeit, um Tschechows Frühwerk "Platonov“ auf die Bühne zu bringen. Das Stück enthält schon fast alles, was man in den späteren Tschechows wieder findet: Setting (Landhaus im Sommer), Personal (verarmte Witwe, Arzt usw.), dAtmosphäre (gepflegte Langeweile) und Themen (unerfüllte Liebe, gescheiterte Lebensentwürfe, Alkohol). Titelheld Platonov ist ein zynischer Intellektueller, der als Provinzlehrer gestrandet ist und sämtliche Frauen der Gegend verrückt macht.

Die Inszenierung spielt in einem fast schon absurd naturalistischen Bühnenbild (Monika Pormale), aber wer sich deshalb einen gediegenen Salon-Tschechow erwartet, hat sich getäuscht. Hermanis inszeniert das Stück, als wär’s ein lebendes Bild aus alten Zeiten; die Aufführung hat Installationscharakter, der Text scheint manchmal nebensächlich. Platonov (Martin Wuttke) sitzt gernmit dem Rücken zum Publikum; das Abendessen findet hinter verschlossenen Glastüren statt, und obwohl man die Schauspieler nicht hören kann, spielen sie da drinnen offenbar munter weiter. Als ob er andeuten wollte, dass er das schon auch kann, inszeniert Hermanis dazwischen ein paar ziemlich tolle Szenen. Ob er mit Tschechow seinen Frieden gemacht hat, erscheint am Ende eines dann doch auch ermüdenden Abends aber fraglich. wk

Akademietheater, Di, Do 18.00


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