Am Apparat  

Warum halten wir Muslime für gar so fromm, Herr Zulehner?

Telefonkolumne

Politik | aus FALTER 19/11 vom 11.05.2011

Auf den ersten Blick wirkt es überraschend, was der Religionssoziologe Paul Zulehner in einer Studie herausgefunden hat: Nur 48 Prozent heimischer Muslime praktizieren den Glauben. 25 Prozent sind "säkular“, haben also zur Religion kaum Bezug.

Herr Zulehner, warum halten wir Muslime für gar so fromm?

Das ist unser Bild, weil wir von Muslimen wenig wissen und sie teilweise fürchten. Ein schwaches Christentum hat Angst vor einem starken Islam.

Sind Muslime überhaupt frommer als Katholiken?

Die Bereitschaft, Gebote zu befolgen oder etwa Gottesdienste zu besuchen, ist bei Muslimen immer noch deutlich höher als in der christlichen Mehrheitsbevölkerung - vor allem bei Männern. Der Islam war ja ursprünglich eine Männerreligion, Frauen wurden erst nach und nach geduldet.

Sind die Frauen jetzt die treibende Kraft hinter der Säkularisierung?

Der Islam in Österreich kommt ja überwiegend aus Anatolien, wo Religiosität oft mit vormodernem Autoritarismus und Unterwerfungsbereitschaft einhergeht. In Österreich verliert dies - vor allem für die Muslimas - unter dem Einfluss der Mehrheitsgesellschaft an Gewicht. Die österreichische Mehrheitskultur beeinflusst den Islam ungefähr auf die Art, wie die 68er-Bewegung das Christentum beeinflusste.

Wo sehen Sie Österreichs Muslime in 20 Jahren?

Es ist ein spiritueller Tsunami, den sie gerade erleben. Ich glaube, dass sich die meisten Verantwortlichen der islamischen Religionsgemeinschaft dessen gar nicht bewusst sind. In 20 Jahren wird sich der Islam im besseren Fall in einen modern-aufgeklärten Islam verwandelt haben, der sein autoritäres Element verloren hat. Im schlechteren Fall verflacht er zum reinen Kulturislam, der den Ramadan begeht. Eine religiöse Kultur zu erhalten, die trotzdem nicht autoritär ist, ist eine Herausforderung, ein Kunstwerk.

Interview: Joseph Gepp


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige