Fragen Sie Frau Andrea

Wiener, Hausrucker, Berliner und Kuh

Kolumnen | aus FALTER 19/11 vom 11.05.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Ähem, liebe Frau Andrea,

ich bin halb Wiener (Vater), halb Oberösterreicher (Mutter Hausruckviertel). Daheim in Oberösterreich bezeichnet man mich als "Gscheaden“ (weil Wiener), daheim in Wien ebenfalls (weil Oberösterreicher). Was soll das? Haben beide Recht? Meines Halbwissens assoziieren die Oberösterreicher gschead mit gscheit (städtisch, wienerisch, obergescheit), die Wiener mit geschert (mit kurz gescherten Haaren, bäuerlich, Provinztrampel). Bitte um Aufklärung, das kann so nicht weitergehen, ich will endlich Klarheit!

Danke und viele Grüße,

Bernhard Hendling, derzeit Wien,

per Gesichtsbuchdirektnachricht

Lieber Bernhard,

die Wege, die die Sprache nimmt, sind verschlungen und führen keineswegs zu einem Ende. Für eine genaue Analyse Ihres Benennungsproblems fehlen mir Originalzitate und die genealogisch-geografischen Konstellationen der Generationen vor ihren Eltern. Erlauben Sie mir, dennoch zu einer eindeutigen Diagnose zu kommen. Sie sind gschead, und zwar ausschließlich aus Wiener Sicht. Wie Sie richtig erwähnen, kommt der Ausdruck gschead von der frisurtechnischen Statusmeldung "geschert“, so viel wie geschoren. Damit bezeichnete die Stadtbevölkerung seit dem Mittelalter den Bauernstand. Wegen der Kürze ihrer Haare. Den unfreien Bauern war es seitens der Obrigkeit schlicht nicht erlaubt, das Haar lang zu tragen. Warum Ihre Hausrucker Familienhälfte die Wiener ihrerseits und ebenfalls als Gscheade bezeichnet, kann ich nicht mit endgültiger Sicherheit sagen. Ich vermute einen Gegenzauber in der Mechanik kindlicher Insultkultur: Wer’s sagt, is’ selber.

Haarlänge hat mit Freiheit zu tun und Freiheit mit Sprachmächtigkeit. Insoferne verbirgt sich also in der Fähigkeit Ihrer Hausrucker Familienhälfte, den Wienern fälschlicherweise Gscheadheit vorzuwerfen, das hohe Gut der Freiheit. Statistisch gesehen befinden sich in Wien mehr Provinzler als Wiener, somit auch mehr Gscheade als auf dem Land. Sollte Ihnen Wien deshalb als zu gschead vorkommen, könnten Sie weiterziehen, in die nächsthöhere Kategorie an Urbanität. Sie könnten es mit Anton Kuh halten, der 1928 auf die Frage, warum er auswandere, antwortete, er wolle lieber "in Berlin unter Wienern, statt in Wien unter Kremsern“ leben.


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