Neu im Kino

Horrorfilm ohne Monster: "Never Let Me Go“

Lexikon | aus FALTER 20/11 vom 18.05.2011

Die Zukunft war gestern. Der medizinische Durchbruch ereignete sich 1952. Seither können Ärzte unheilbare Krankheiten heilen. 1967 überstieg die Lebenserwartung des Menschen bereits 100 Jahre. Kathy H., die Ich-Erzählerin des Films, ist 31 Jahre alt. Sie hält Rückschau auf ihr Leben und das ihrer Freunde. Hailsham, der Ort ihrer Kindheit, scheint auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Internat zu sein. Dort sind Kathy, ihre Freundin Ruth und Tommy, der linkische Junge, in den sie beide verschossen waren, aufgewachsen. Ihre gemeinsame Zeit in Hailsham, so die tröstliche Gewissheit, wird ihnen niemand jemals nehmen können.

"Never Let Me Go“ ("Alles, was wir geben mussten“) nach dem Roman von Kazuo Ishiguro ist eine Anti-Utopie, ein Horrorfilm ohne Monster, eine Science-Fiction-Erzählung aus der Vergangenheit. Kathy, Ruth, Tommy und auch die anderen Zöglinge von Hailsham sind Klone, die als lebende Ersatzteillager für die Menschen draußen gezüchtet werden. Es gibt kein Aufbegehren, keine Revolte, keinen Versuch, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen oder zum Beispiel einfach abzuhauen. Es gibt aber, und das ist das wirklich Unheimliche an dieser Geschichte, auch nichts, was sie daran hindern würde: keinen Stacheldraht, keine Polizei, kein Ausgehverbot. Kathy, Ruth, Tommy und die anderen Klone verhalten sich nur allzu menschlich. Sie harren ihres Schicksals.

Sorgfältig das Drehbuch von Alex Garland, schön die Kamera von Adam Kimmel, großartig die Hauptdarsteller: Keira Knightley als Ruth, Andrew Garfield als Tommy und Carey Mulligan, die sich voriges Jahr mit "An Education“ empfahl, als Kathy H. Und zwischendurch, ob bei einem Ausflug nach Norfolk oder für die Länge eines Popsongs, scheint dieser tragischen Heldin eine glückliche Zukunft fast zum Greifen nahe. MO

Derzeit in den Kinos (OmU im Stadtkino)


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