Am Apparat

Von wie vielen Flüchtlingen sprechen wir, Frau Schöffl?

Telefonkolumne

Politik | Interview: Joseph Gepp | aus FALTER 20/11 vom 18.05.2011

Dänemark, Italien, Frankreich - angesichts von Flüchtlingswellen aus Nordafrika gibt es in Europa wieder verstärkt Grenzkontrollen. Doch um wie viele Menschen geht es? Ruth Schöffl vom UNHCR, der UN-Flüchtlingsorganisation, gibt Auskunft.

Frau Schöffl, wie viele Menschen aus Nordafrika sind bisher nach Europa geflohen und woher kommen sie?

Seit Mitte Jänner sind über 36.000 Leute in Lampedusa und einige tausend in Malta angekommen. Von ihnen sind etwa 24.000 Tunesier, über 12.000 kommen aus anderen Ländern. In dieser Reihenfolge: Nigeria, Eritrea, Elfenbeinküste, Mali und Ghana. Sie kommen klassischerweise von Booten, die in Libyen abfuhren.

Also waren sie Gastarbeiter in Libyen?

Eher Menschen, die schon nach Libyen geflohen sind und von dort nun ein zweites Mal fliehen. Viele wurden aus ihren Heimatländern vertrieben.

Wo sind die Flüchtlinge jetzt? Gibt es auch welche in Österreich?

Zum allergrößten Teil sind sie in Italien. In Österreich merken wir vom Flüchtlingsstrom bislang gar nichts.

Also niemand?

Einige wenige schon, aber nicht mehr als in den vergangenen Jahren. Es handelt sich hier um geringe Zahlen. Bis Ende April 2011 flohen beispielsweise 142 Nigerianer nach Österreich und sechs Leute aus Eritrea.

Und die Wirtschaftsflüchtlinge aus Tunesien?

Bislang fast niemand, soweit wir das überblicken können. Wir glauben, dass auch in Zukunft nur wenige nach Österreich kommen wollen. Wegen der sprachlichen Nähe ziehen sie französischsprachige Länder vor.

Mit wie vielen Flüchtlingen in Europa rechnen Sie noch?

Schwer abzuschätzen, das hängt etwa davon ab, wie sich Libyen und Syrien weiterentwickeln. Aber grundsätzlich rechnen wir mit keiner großen Flüchtlingswelle nach Europa. Zum Vergleich: In die Nachbarländer Ägypten und Tunesien flohen bisher rund 800.000 Menschen aus Libyen.


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