Wieder gelesen

Bücher, entstaubt 


Politik | aus FALTER 20/11 vom 18.05.2011

Gegen den Staat. Aber anders

Warum erscheinen deutsche Politiker glaubwürdiger als österreichische? Eine vorschnelle Antwort auf diese Frage könnte lauten: weil sie politisch gebildet sind. Weil politische Bildung in vielen Fällen den Grund für ihre Karriere darstellt, während man in Österreich doch eher Mediengeschmeidigkeit der Diskursfähigkeit vorzieht und hofft, dem guten Aussehen würden die Taten schon noch folgen.

Am Buch "Entstaatlichung“, 1988 herausgegeben von Thomas Schmid, kann man das überprüfen. Schmid war damals Mitarbeiter Daniel Cohn-Bendits und in Multikultifragen sehr artikuliert. Heute ist er Chefredakteur der Welt-Gruppe. Was das schmale Büchlein interessant macht, ist nicht nur die Abwendung vom zentralisierten Staat in eher kommunitaristisch inspirierter Weise (im Unterschied zu der später als allmächtiger Mainstream einsetzenden neoliberalen Antistaatlichkeit).

Man findet darin zwei Aufsätze von neuerdings bekannt gewordenen Leuten. Winfried Kretschmann, damals grüner Landtagsabgeordneter, ist heute in Baden-Württemberg erster grüner Ministerpräsident in Deutschland. Mit rhetorischer Verve formuliert er ein Plädoyer gegen die innerstaatliche Kolonisierung von Dörfern und Gemeinden durch eine "metropolenorientierte politische Klasse“. Gisela Erler, seit vergangener Woche Staatssekretärin in seinem Kabinett, setzt auf Gemeindeautonomie als Stärkung unabhängiger Fraueninitiativen. Außerdem stellt Wolfgang Sachs im Band Wilhelm Humboldts Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“ vor, die uns die Zeitschrift Merkur erst letztes Jahr als Wiederentdeckung präsentiert hatte. at

Entstaatlichung. Neue Perspektiven auf das Gemeinwesen. Herausgegeben von Thomas Schmid, Wagenbach, Berlin 1988, 138 S.


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