Mediaforschung

"Mögen Katholiken knappe Bikinis, Herr Gnilsen?“

Nachfragekolumne

Medien | Ruth Eisenreich | aus FALTER 20/11 vom 18.05.2011

Mit verschränkten Beinen sitzt sie im weißen Sand und fährt sich mit den Händen durch die langen braunen Haare. Ihre Augen sind geschlossen, die Lippen in scheinbarer Verzückung leicht geöffnet. Auf ihrem knappen Bikini züngeln Flammen. Über ihrem Kopf erheben sich neugotische Ziertürmchen und Heiligenstatuen; fast direkt unter ihrem Hintern gelangt man durch ein spitzbogenförmiges Tor in die Votivkirche.

Seit Mai hängt das mehrere Meter hohe Plakat der Unterwäschefirma Calzedonia am Baugerüst der Votivkirche; vom Schottentor oder dem Votivpark aus ist die überlebensgroße Frau im Bikini nicht zu übersehen.

"Es werden sich manche daran stoßen, klar“, sagt Harald Gnilsen von der Erzdiözese Wien, "aber warum sollen wir dagegen sein? Ein Bikini ist ein normales Kleidungsstück.“

Als Baudirektor der Erzdiözese hat Gnilsen auch über die Werbung an den Baugerüsten zu entscheiden. Seine Wahlfreiheit ist jedoch oft eingeschränkt: Im Mai war Calzedonia der einzige Interessent für die Plakatstelle an der Votivkirche. Die Alternative zum Bikini-Plakat wäre gewesen, auf die Werbeeinnahmen zu verzichten. Die werden allerdings für die Sanierung der Votivkirche gebraucht - auch wenn sie laut Gnilsen in Relation zu den Gesamtkosten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind.

Gibt es Werbung, die wir trotz Geldnot niemals auf einer katholischen Kirche sehen werden? Ja, sagt Gnilsen: Parteipolitische Plakate und Werbung für Waffen oder Alkohol würde er ebenso ablehnen wie "Anstößiges“. Bei Unterwäsche wäre er "zurückhaltend“, sagt er, der Bikini sei eine Grauzone. Aber immerhin: "Jeder freut sich über einen schönen Strand.“ Und wer weiß: Vielleicht hat ja religiöse Verzückung die Dame auf dem Plakat zu ihrem Gesichtsausdruck hingerissen.


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