Quietschbunt, überreizt und erregt: mit dem Surfboard im College und durch die Pubertät

Feuilleton | Filmkritik: Joachim Schätz | aus FALTER 20/11 vom 18.05.2011

Im US-Kino ist nicht alles möglich, aber seine Offenheit macht noch immer staunen. Vom Bürgerschreck zum populären Freudenspender ist es da manchmal nur ein kleiner Sprung. Der schwule Trash-Impresario John Waters etwa ließ in frühen Underground-Extravaganzen Hühner köpfen und Hundekot verzehren und schuf hernach mit "Hairspray“ (1988) eine weltumarmende Nostalgiebombe, die ein irre erfolgreiches Bühnenmusical nach sich zog.

Von Gregg Arakis Horrorsexkomödie "Kaboom“ wird es eher keine Musicalfassung für die ganze Familie geben, aber die Stoßrichtung ist ähnlich: Araki, der sich in den 90ern mit rotzigen Tragödien als böser Bube des queeren Indiekinos profiliert hat, zeigt sich hier von seiner lichten, leichtfüßigen Seite. Und schuld ist wieder John Waters: Der hatte Araki nach einigen untypischen Projekten gebeten, doch noch ein "old-school Gregg Araki movie“ zu drehen.

Genau das ist "Kaboom“ geworden. Einerseits. Mit seinen quietschbunten Comic-Kompositionen, düsteren Verschwörungen und absurd attraktiven Jungdarstellern schreibt der Reigen um den bisexuellen Collegestudenten Smith (Thomas Dekker) schrille Araki-Arbeiten wie "Nowhere“ (1997) fort. Wie damals überträgt der Regisseur den Aggregatzustand Pubertät in einen Erzählstil permanenter Ablenkung und Überreizung: Smith geht einem bizarren Mord am Campus nach, verzettelt sich aber ständig zwischen Entspannungssex, finsteren Visionen und Schwärmereien für seinen Mitbewohner, einen Surferhünen namens Thor.

Anstelle von No-Future-Pathos herrscht heute ein entspannter, fast nostalgischer Tonfall vor. Das Skript schleudert Smith und dessen beste Freundin von einem Cliffhanger zum nächsten, aber die Regie nimmt sie sanft bei der Hand und die Kamera liebkost das Ensemble geradezu. Der erste Sommerfilm der Saison!

Ab 20.5. im Kino (OmU im Filmcasino)


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