Doris Knecht

Und dann kommt man in die Stadt zurück

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 20/11 vom 18.05.2011

Vielleicht sollte man mit der Selbstzerfleischung dann auch wieder einmal aufhören. Dann. Im Moment scheint es unmöglich: der Mond, der Saturn in Opposition mit Mars, ich weiß auch nicht. Ich stehe hinter einem Mikrofon im Phil und lese meinen Text aus "Brennstoff“* vor, die Geschichte, wie ich einmal Joachim Lottmann nicht kennenlernen wollte, und das ist nicht leicht, denn Lottmann sitzt einen Meter entfernt und lauscht, womit beim Verfassen des Textes irgendwie nicht zu rechnen war und was meinen Vortrag nicht begünstigt. Zudem bin ich, vor Rubey, Lottmann und Schalko, die Erste, die liest, und während ein Teil des Publikums horcht, plauscht der andere munter vor sich hin, und dann passiert es, dann passiert es mir, ich brülle ins Mikrofon, GUSCH!, brülle ich, und es ist so peinlich, als wäre mir coram publico ein knatternder Wind entfahren. Es ist exzessiv überzogen, und ich weiß es sofort und lese den Rest meines Textes unter permanenter Transpiration und mit rotem Schädel. Das hat man wieder einmal gut hingekriegt. Man könnte sich.

Möglicherweise hängt der Ausbruch auch mit der Schufterei am Land zusammen. Man hackelt das ganze Wochenende, reißt Bäume aus, gräbt Löcher in die Erde, schleppt Glumpert herum, schlägt Pfosten ein, und dann kommt man in die Stadt zurück und wendet an Stellen, an denen das überhaupt nicht nötig wäre, zu viel Kraft an. Viel zu viel Kraft. Alle schauen: huidiwui, waswarndasjetz. Man fühlt sich, das ist jetzt auch überzogen, ein bisschen wie Musils Moosbrugger: Alles, was man jetzt angreift, geht kaputt. Man fühlt sich monströs in der Welt. Ungehörig. Man sollte vielleicht nicht mehr ausgehen, man sollte die Menschen meiden, man sollte sich irgendwo verkriechen, zum eigenen Schutz und zum Schutz aller anderen: zumindest an solchen Tagen.

Man sollte einen Solche-Tage-Melder eingebaut haben, der einen alarmiert und dann vor den "Tatort“ setzt anstatt unter oder vor Menschen. Oder hinter einen Computer, wo man wohl hingehört, wo man die Wörter und die Lautstärke und die Temperaturen viel leichter regeln kann und korrigieren. Zu laut, zu wild, viel zu aggressiv, lösch es weg, schreib es leiser, zarter, zärtlicher. Vielleicht sollte man das Sprechen überhaupt weitgehend einstellen, nur noch schreiben. Das habe ich auch dem Steuerberater gesagt: Nicht komm am Sonntagnachmittag in den Garten, wo ich eben glücklich irgendetwas aus der Erde reiße, und sag mir, dass ich 6000 Euro ans Finanzamt überweisen muss, und zwar morgen. Schreib es mir wochentags in ein Mail, dann kann ich meinen Wutausbruch ganz allein performen, und niemand kommt zu Schaden, und ich müsste mich jetzt nicht zerknirscht bei dir entschuldigen. Ich würde das nämlich gern löschen, danke.

* Moderne Nerven: Brennstoff. Hg. von Ela Angerer. Mit Texten von Peter Hein, Christian Schachinger, Manfred Peckl, u.a. Czernin Verlag, 120 S., € 9,90


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