Retrospektive

Wiederzuentdecken: Filme von Jean Grémillon

Lexikon | aus FALTER 21/11 vom 25.05.2011

Jean Grémillon, gelernter Musiker, kam über den Dokumentar- und Experimentalfilm zum Spielfilm. Obwohl er schon Anfang der 1930er-Jahre vielbeachtete Werke drehte, konnte er sich in der Filmindustrie nur unter größten Schwierigkeiten seinem Talent entsprechend behaupten. Zu oft wurde er Opfer der Willkür von Produzenten, die seine Filme zum Teil verstümmelten oder es ihm sogar verunmöglichten, sie fertigzustellen.

Seine bekanntesten Filme, darunter "Remorques“, ein stürmisches Melodram mit Jean Gabin und Michèle Morgan (1939/41), oder "Lumière d’été“ mit Madeleine Renaud und Pierre Brasseur (1943), weisen Grémillon nicht nur als bedeutenden Exponenten des Poetischen Realismus aus, sondern quasi auch als Ahnherrn der Nouvelle Vague.

Für diesen Status als Solitär zwischen den beiden großen Stilepochen des klassischen französischen Kinos ist bezeichnend, formulierte der große Peter Nau einst "Auf den Spuren von Grémillon“ in einem legendären Heft der Filmkritik, dass er den Menschen nicht als schicksalhaft determiniert sah, sondern mit seinen Filmen darauf aus war, das Wechselverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, Innen und Außen, zu artikulieren: Dekor und Personen, ebenso wie Ereignisse und Gefühle haben keine getrennte Existenz voneinander. Es ging ihm in seinen Filmen darum, "durch Realismus das zu entdecken, was das menschliche Auge nicht direkt wahrnimmt, und darüber Harmonien und unbekannte Beziehungen zwischen den Menschen herzustellen“.

Nun ist das Werk von Jean Grémillon (1901-1959), des letzten Unbekannten unter den Großen des französischen Films, in einer Retrospektive mit ausgewählten Werken (zusammengestellt von Ralph Eue) erstmals in Österreich zu entdecken. MO

Österreichisches Filmmuseum, 27.5. bis 17.6.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige