Kunst Tipp

Schiele im Spiegel: Seher, Heiliger, Häftling

Lexikon | aus FALTER 22/11 vom 01.06.2011

Der Titel lässt auf einen Blockbuster tippen, es handelt sich aber um eine Nebenausstellung: Im Unteren Belvedere füllt die bald endende Schau "Egon Schiele. Selbstportraits und Portraits“ lediglich den Zweitraum Orangerie. Der Mangel an hochkarätigen Leihgaben war der Grund für diese Zurückhaltung. Wenig überraschend fehlt das durch Gerichtsverfahren berühmt gewordene "Bildnis Valerie Neuzil“, das das Leopold Museum teuer zurückerwerben musste. Aber dafür hat die von der US-Expertin Jane Kallir kuratierte Ausstellung - die erste zu Schieles Porträts überhaupt - etliche andere tolle Werke zu bieten. Etwa ein Aquarell aus der Neuen Galerie New York, das den jungen Erich Lederer dandyhaft vor buntem Ornament zeigt. Ihm gegenüber das Doppelbildnis des Zentralinspektors Benesch mit seinem Sohn: Wie der Vater den Arm autoritär zur Schranke hebt und der resigniert blickende Stammhalter die Hände ineinander krampft, erzeugt Schaudern.

Während das erste Ausstellungskapitel gar zu unvermittelt von frühen Akademiearbeiten zum hochexpressiven Männerakt schwenkt, kommt die Präsentation dann über Auftragsbilder wie "Der Verleger Eduard Kosmack“ in Fahrt und findet im Raum mit fesselnden Selbstporträts ihren Höhepunkt. Das großäugige Genie vor dem Spiegel, mal melancholisch, mal arrogant, in den Rollen Seher, Heiliger oder Häftling: Diese intensive Zusammenschau, die so noch nie geboten wurde, macht den Ausstellungsbesuch zur Pflicht. Am Ende der Schau bleibt ein Zweifel, und zwar ob - allen Bildnissen von Edith Schiele zum Trotz - die Frauenporträts des Künstlers nicht noch mehr Augenmerk verdient hätten. NS

Belvedere Orangerie, bis 13.6.


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