Ohren auf

Frisches Laub im Gatsch der Jazzgeschichte

Sammelkritik

Lexikon | Andreas Felber | aus FALTER 22/11 vom 01.06.2011

Vom Cover blickt ein braunes Plastilin-Müllmonster. Drum herum kringelt sich ein wurmartiger Schriftzug, auf dem Kompost3 geschrieben steht. Was die gleichnamige CD so appetitlich verspricht, wird musikalisch prompt eingelöst: Das aus Trompeter Martin Eberle, Keyboarder Benny Omerzell, Bassist Manu Mayr und Schlagzeuger Lukas König bestehende Quartett wühlt mit Hingabe im humusreichen Gatsch der Jazzgeschichte.

Scheppernd hingerotzte Trash-Funk-Grooves werden hervorgeholt und gleich wieder von geräuschvollen Free-Einlagen unter Beschuss genommen. Die Hammondorgel darf in räudiger Inbrunst röhren und heulen. Darüber mäandert die Trompete in weichen Klangbändern, um sich immer wieder in genussvoll zelebriertem souligem Pathos über alle Geschmacksfragen zu erheben. Klischee? Wen kümmert’s. Kompost3 folgen in frisch-frecher Manier ihrer eigenen, klug gewählten Spur.

Das Debüt dieses hochtalentierten Vierers ist zugleich die erste Veröffentlichung von Laub Records, einem neuen Label-Spross der jungen Wiener Jazzszene. Auch Lukas Kranzelbinder mischt hier mit. Der aus Kärnten stammende Bassist wurde erst kürzlich am Debüt "What Really Happens in a Molehill“ (Jazzit Edition) des Salzburger Quartetts Peter, Lois & Lukes auffällig, das profundes Handwerk demonstriert, dabei aber allzu brav und traditionsloyal tönt.

Im Rahmen von "Very Live!“ (Laub Records), der ersten Aufnahme seines eigenen Projekts Lukas im Dorf, zeigt Kranzlbinder, was in ihm steckt. Man hört locker gefügte Quartettmusik, in der sich weite Räume für die Solisten Phil Yaeger (Posaune) und Wolfgang Schiftner bzw. Yure Pukl (Saxofon) öffnen. Momente kammermusikalischer Introvertiertheit changieren mit solchen hochexplosiver Energieentwicklung, wobei in der lustvollen Dekonstruktion von "Row Your Boat“ Erinnerungen an die New Yorker Band Sex Mob in ihrer anarchistischen Anfangsphase aufkommen.

Laub Records Labelnacht:

3.6., 21 Uhr, Porgy & Bess


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