Fragen Sie Frau Andrea

Lachen am laufenden Band

Kolumnen | aus FALTER 22/11 vom 01.06.2011

Liebe Frau Andrea,

mit Abscheu vernehme ich jeden Tag aus dem Zimmer meines Freundes sein Lieblingsprogramm: idiotische amerikanische Soap-Operas. Das ist schlimm genug, aber da kommt dann noch das irre Lachen des "Publikums“, das ja nicht wirklich existiert. Müssen da ein paar schlechtbezahlte, arme Trottel auf Befehl verschiedene Arten von Lachen produzieren? Wird dieses Lachen live aufgenommen oder künstlich hergestellt? Ich verlasse mich auf Ihre unendliche Weisheit!

Mit irrem Lachen und lieben Grüßen

Inge Mayer, per E-Mail

Liebe Inge,

das von Ihnen beschriebene Phänomen wird bei uns im Tingeltangel-Business als canned laughter, Konservenlachen, bezeichnet. Die Frühzeit des amerikanischen Fernsehens begann mit einem Dilemma. Waren die ersten Sendungen noch vor Publikum aufgenommen worden, kam es mit dem Aufkommen der Single-Camera-Technik zum gestalterischen Konflikt. Den Zusehern waren Publikumsreaktionen so vertraut, dass fehlendes Lachen automatisch mit ernsten Inhalten verbunden wurde. Woher also das vertraute Lachen für die erst im Schneideraum fertiggestellten Shows nehmen? Vom Band. Eine Technik, die Tontechniker Jack Mulin und Scriptwriter Bill Morrow erstmals bei einer von Bing Crosbys Radioshows verwendet hatten. Was war geschehen? Der Hillbilly-Komiker Bob Burns war zu Gast gewesen und hatte mit rassistischen Farm-Witzen schreiendes Live-Publikums-Gelächter provoziert. Die Witze wurden zwar nicht verwendet, das Lachen aber auf Band gesichert. Ein paar Wochen später gab es eine vergleichsweise maue Show. Sie wurde mit den aufgenommenen Lachern aufgefettet.

Das Lachband war geboren. Es fand seinen Einsatz in den erwähnten US-Einkamera-Sitcoms. Tests mit nichtbelachbandeten Shows blieben ernüchternd. In synchronisierten Versionen amerikanischer TV-Serien hilft das Lachband auch beim Verschleifen schlechtsitzender Dialoge. Die Präsenz von Konservenlachen hängt mit der Konjunktur von Sendungen aus den 60ern und 70ern zusammen. Frischeres Material zeigt einen Paradigmenwechsel. "Malcolm in the Middle“ kommt wie die Mehrzahl der neueren US-Produktionen ohne Lachband aus. "Two and a Half Men“ ist in diesem Sinne noch ganz Retro-Sitcom.


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