Noch im Kino

"Almanya“: Es bleibt in der Familie

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 23/11 vom 08.06.2011

Wer in ein fernes, unwirtliches Land zieht, sieht sich besser vor. Im neuen Zuhause angekommen, reinigt die Mutter der Auswandererfamilie vorsorglich erst einmal das Klo: "Wer weiß, welche Krankheiten die Deutschen haben!“

Deutschland heißt in dieser Komödie der Schwestern Yasemin (Regie & Drehbuch) und Nesrin (Drehbuch) Samdereli "Almanya“ und ist ein Land, in dem bizarre Holzkreuze an den Wänden hängen und teigige Menschen mit zu kleinen Hunden Gassi gehen. Die Samderelis, die bisher unter anderem an der ARD-Serie "Türkisch für Anfänger“ mitschrieben, erzählen in ihrem Kinodebüt die Arbeitsmigration der 60er aus der Einwandererperspektive: Als eine-Million-und-erster Gastarbeiter kommt Hüseyin Yilmaz aus Anatolien nach Deutschland, bald ziehen Gattin und Kinder nach.

Solange "Almanya“ bei den Erlebnissen der Familie Yilmaz im Wirtschaftswunder-Deutschland bleibt, hat der Film sympathischen Witz - und formale Konsequenz: Um das Erleben der eben Eingewanderten zu vermitteln, sprechen sie im Film Deutsch, die Deutschen ein Kunst-Kauderwelsch wie einst Chaplins "Großer Diktator“. Die Rahmenhandlung in der Gegenwart setzt dagegen auf Versöhnung im Zeichen des Allgemein-Menschelnden: Der sture Vater vergattert die wohlintegrierte Großfamilie zur Reise in die alte Heimat.

Unterwegs gibt es Gelegenheit für weitere Culture-Clash-Pointen, vor allem aber für heilsame Aussprachen und familiäre Rückbesinnung. Das ist im Charakterdetail manchmal schön gelöst und als atmosphärisches Gegengift gegen sarrazinisches Ressentiment einnehmend. Mehr satirischer Biss und weniger streichelweicher Kulturalismus wäre noch toller gewesen.

Weiterhin in den Kinos (im UCI Millennium und Donauplexx im deutschen Original mit türkischen Untertiteln)


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