Vor 20 Jahren im Falter  

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 23/11 vom 08.06.2011

Leben und Tod

Beide Protagonisten des folgenden Interviews sind tot. Der eine starb kurz nach dem Gespräch, der andere Anfang dieses Jahres. Der Radiomacher Hannes Doblhofer interviewte den Autor Joe Berger, zu seiner Zeit eher als Bohemien denn als Schriftsteller bekannt, als dieser aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

Falter: Ist der Lungenkrebs heimtückisch?

Joe Berger: Es war ein Überfall. Plötzlich war ich im Krankenhaus, man konnte nichts absehen. Ich war in einem Arbeitsprozess und habe so den eigenen Zustand nicht realisiert, alles andere ist ja wichtiger. Den Begriff Tod hatte ich nicht parat. (…)

Aber Ihr Lebenswandel war sehr riskant und intensiv, 10 Bier pro Tag vielleicht, dazu Wein, 60 Zigaretten.

Berger: Es musste erst etwas passieren, bis mir meine Situation klar wurde, aber das ist immer so. Nur - einen Rausch kann man ausschlafen, den Tod nicht. Diejenigen, die sich so viel mit dem Tod beschäftigen, die sagen, sie hätten den Tod im Griff, denen glaube ich ja nicht, den Religionen und Gurus … Ein bekannter Mensch hat einmal vor Jahrzehnten gesagt, wenn er älter als dreißig wird, würde er sich ärgern, aber er lebt noch immer. (…)

Was ist Krankheit für ein Lebensabschnitt?

Berger: Man kann es verschieden sehen. Für Thomas Bernhard war es eine Störung. Aber Krankheit ist die Sonderform alltäglicher Banalität, denn nur ein sogenannter gesunder Körper hat Zeit für solche alltäglichen Banalitäten, ein Kranker nicht mehr. (…) Ich habe es mir einmal so aufgeschrieben:, Krankheit ist die nicht ausgeräumte Reisetasche von gestern.‘ Man kann diese Zustände nur in Metaphern beschreiben.

Ist Krankheit also der Zustand zwischen Leben und Tod?

Berger: Krankheit ist das Leben … und das Leben ist die Krankheit zum Tode - (lacht) … Kierkegaard! (…) Insgesamt bin ich wesentlich aufmerksamer geworden, (…) alles ist wesentlich intensiver. Die Lokale und Bars hat es im Krankenhaus nicht gegeben, aber die waren halt im Hirn.“ AT


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