Kommentar  

Feministische Politik? In Wien heißt das jetzt "Weiberei“

Wiener SPÖ

Falter & Meinung | Barbara Tóth | aus FALTER 23/11 vom 08.06.2011

Nur keine Wellen - nach diesem Motto versucht die Wiener SPÖ ihren Landesparteitag von vor zwei Wochen kleinzureden, durchwegs mit Erfolg. Die katastrophalen Abstimmungsergebnisse für die Parteispitze? Fast schon wieder vergessen. Der Absturz der einstigen Kronprinzessin Michael Häupls, Finanzstadträtin Renate Brauner, auf magere 72 Prozent bei der Wahl zur Parteivorsitzendenstellvertreterin? Weggedrückt, wie so vieles in der Wiener Partei.

Dabei bekommt man, hört man sich in Wiens SPÖ um, soziologisch höchst aufschlussreiche Erklärungen für Brauners Fiasko geliefert. Damit sind jetzt nicht die offenkundigen Ansätze gemeint, wie jene, dass eine Politikerin, die in Zeiten von Sparbudgets laufend "leider nein“ sagen muss, sich kaum neue Freunde macht.

Nein, Brauners Ergebnis wird auch als Ausdruck des Unmuts über die - das Wörtchen fällt tatsächlich - "Weiberei“ gewertet.

"Weiberei“, mit diesem sehr wienerischen Neologismus für feministische Politik brandmarken die verärgerten Genossen in der Partei offenbar die Frauenpolitik Brauners. 22 von 62 Magistratsabteilungen werden inzwischen von Frauen geleitet, betont Brauner gerne, in der Stadtregierung, in den Vorständen der Stadtwerke und der Wien Holding gäbe es einen Frauenanteil von 50 Prozent.

Jede Frau in einer Spitzenposition mehr bedeutet einen Mann weniger. Dass der Kampf um Gleichberechtigung sich nicht in wohlgemeinten Beteuerungen erschöpft, sondern letztlich auf einen Machtaustausch hinausläuft, scheint einigen Herren erst jetzt schmerzlich klar zu werden. Und nichts ist leichter, als sich beim Parteitag dafür zu revanchieren.


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