Enthusiasmuskolumne  

Amor und Engel, Opfer und Täter

Diesmal: Die besten Blicke der Welt der Woche

Feuilleton | Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 23/11 vom 08.06.2011

Sie schauen skeptisch bis reserviert, der Blick von schräg unten. Etwa das 18 Monate alte Kind mit Spitzenhäubchen und Weintrauben, um 1598 malerisch festgehalten, bittere Erfahrungen im Blick. Das "gefatschte“ Neugeborene mit Diamantkreuz in Spitzenwindeln aus dem 17. Jahrhundert, fest gewickelt wie eine Mumie, die Augen resigniert und wissend auf den Betrachter gerichtet. Oder das Zwillingspaar in Brokatmänteln und mit bauschigen Federhüten, ein Jahrhundert jünger, aber verstörend in seiner pausbäckigen, selbstzufriedenen Altherrenhaftigkeit und schoßhündchen- und goldapfelflankierten gedoppelten Nichtindividualität.

Lachende Gesichter sucht man in der Ausstellung "Von Engeln und Bengeln“ - sie läuft noch bis 3. Juli in der Kunsthalle Krems - so gut wie vergeblich. Und genau deswegen fährt sie einem so tief in Kopf und Bauch. Zu sehen sind der Zwang von Konventionen, die Vorstellungen ihrer Erzeuger und das Kunstverständnis der Zeit.

Zunächst nur als Symbol, als Amor, Engel und Christuskind, von Interesse, wird ab dem 16. Jahrhundert das Kind als Statussymbol ausgestellt und festgehalten, ja festgezurrt in Fatsche und Mieder, als kleiner Erwachsener, mit der ganzen Last der oft kurzen Existenz in den zarten und ernsten Mienen. Diese scheinen sich erst in der Romantik zu lösen, um sich bei den Zeitgenossen wieder zu verfinstern. Und am Ende, nach dem Durchgang durch 400 Jahre Kinderporträts, schließt sich der Kreis. Von Opfern zu Tätern.

Die herrische Unabhängigkeit von Marianna Gartners "Struwwelpeter with Kittens“ oder Gottfried Helnweins furchtlos-melancholisches "Kind II“ bringen die dunkle Seite oder vielmehr die Paradoxie der Kindheit - man möchte fast sagen, der menschlichen Existenz - auf den Punkt: als unauflösliche Verstrickung von Abhängigkeit und Freiheit, in ihrer ganzen Bedrängnis und ihrer ganzen Kraft, in ihrem ganzen Elend und ihrer ganzen Schönheit.


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