Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 23/11 vom 08.06.2011

schlafzimmerblicke auf öffentlichen plätzen

So eine meisterparty bringt neben schmutz und leid für die anrainer auch ein bisschen eine rückkehr der guten alten volkserhebungsrhetorik mit sich: graz erwacht! soll sein. ein gediegener mittdreißiger (beispiel: mario haas) ist in seinem leben schon an die 40.000 mal erwacht und es war sicher jedes mal anders. wenn man etwa eine wohnung im parterre in der stadt hat, direkt an der straße, und um halb eins aufwacht, feststellt, dass das fenster offen steht und ein*e passant*in während der 90 minuten, in denen das fenster unbeaufsichtigt war, von außen reingegriffen hat, den laptop vom schreibtisch genommen hat und damit abgehauen ist, stellt man schon im aufwachen fest, dass man von feinden umgeben ist, nix mit nette harmlose kleinstadt, und würde am liebsten wieder einschlafen und noch mal aufwachen. das aufwachen aber ist kein wunschkonzert, es kann in den schleißigsten momenten passieren, zum beispiel während man am sonntagvormittag über den jakominiplatz geht. ausgezeichnet zu beobachten vom straßencafé: junge und alte kampftrinker, die während ihrem ziager(!) eingeduselt sind und ferngesteuert über den platz wanken, von frühreifen, rabiaten sonnenstrahlen und straßenbahngeräuschen im gesicht gekratzt werden und dann ganz langsam in so etwas ähnliches wie wachzustand reingleiten. dementsprechend schauen sie dann mit ihren zwei augen: verdutzt, trunken, und irgendwie also voll süß.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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