Selbstversuch

Da steht aber dein Name drauf

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 23/11 vom 08.06.2011

Die Mimis sind am Ende der dritten Klasse und die Frage "Welches Gymnasium?“ beherrscht jede Eltern-Zusammenkunft. Welches Gymnasium??? Die Antwort "Mir ist das eigentlich wurscht“ kommt dabei meistens mindergut an. Wie kann einem etwas derart Wichtiges wurscht sein?

Indem man, weil sich Schulen ihre Lehrer nicht aussuchen dürfen, in den angesehensten Eliteschulen nicht in der Hand hat, an welche Arschlochlehrer die Kinder geraten, während bei Anstalten unterdurchschnittlichen Rufs vielleicht die Lehrerin wartet, die die Mimis auf einen glücklichen Lebensweg ... Habe ich das schon einmal geschrieben? Nicht im Falter, glaube ich. Also, jedenfalls, ich hatte einmal einen Deutschlehrer, der hätte mich in der Oberstufe beinahe durchfallen lassen. Ich bin dann aber in Mathematik durchgefallen, wovon die Mimis leider kürzlich im Zuge der Durchsicht eines Ordners, dessen Inhalt sie nichts angeht, Kenntnis erlangten. Mamaaaaa!!!!! Das ist nicht mein Zeugnis. Da steht aber dein Name drauf! Jaja, okay, es ist meins. Und ja, ich bin durchgefallen.

Dieser Deutschlehrer war eine der schlimmsten Strafen meiner Adoleszenz. Er war bösartig und gemein. Einmal wurde mir bei einer Buchpräsentation in Wien eine Frau vorgestellt, und als ich ihren Nachnamen hörte, prallte ich zurück. Sie sagte, ich weiß schon, das passiert mir öfter, mein Onkel, ja. Wegen dieses Lehrers war sitzenzubleiben eine der besten Umleitungen, die mir als jugendlich Suchende widerfahren konnten. Ich bin eine Anhängerin des Sitzenbleibens, ja sogar des Sitzenbleibens wegen eines einzigen Fünfers. Wäre ich nicht sitzengeblieben, wäre ich jetzt ... Keine Ahnung, aber dies hier bliebe Ihnen vermutlich erspart. Ich blieb also sitzen und bekam einen großartigen Deutschlehrer, der sah, dass ich faul war und aufsässig und eine Pfeife in Mathematik und dass ich merkwürdige Texte schreiben konnte. Und er fand, das gehöre gefördert und förderte mich; auf durchaus unkonventionelle Weise.

Das geschah im damals zweitschlechtesten Oberstufenrealgymnasium des Landes: Wenn man von dieser Schule flog, gab es nur noch eine schlechtere, die einen vielleicht aufnahm, aber eher nicht. Ich lernte an dieser Schule rauchen, trinken, zu spät kommen, Lehrer hassen, Lehrer austricksen, Drogen nehmen, ein paar interessante Kerle kennen, nicht Gitarre spielen, nicht Klavier spielen, schwänzen, Literatur zu lesen und dem bisschen Talent, das man hat, zu vertrauen. Und mit Sturheit und Konsequenz daran zu arbeiten. Und: dass es von einem einzigen Lehrer und dessen Intelligenz und Einfühlungsvermögen abhängen kann, wohin ein Kind sich entwickelt.

Die Schulen dürfen sich ihre Lehrer immer noch nicht aussuchen. Der bösartige Deutschlehrer unterrichtet offenbar immer noch. Mir ist es ziemlich wurscht, an welches Gymnasium die Mimis gehen werden.


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