Ausstellung Kritik

Ein Männchen vom Mars auf dem Kühler

Lexikon | aus FALTER 24/11 vom 15.06.2011

Grazile Frauenfiguren mit überlangen Gliedmaßen balancieren Likörschalen, Kerzenhalter oder schmücken Handspiegel. Diese servilen Nackten aus Metall sind für Hagenauer ebenso typisch wie Tierchen oder afrikanische Köpfe aus Holz. Im Wagner:Werk breitet nun die von Olga Kronsteiner kuratierte Schau "Hagenauer. Wiener Moderne und Neue Sachlichkeit“ das Sortiment dieser kunstgewerblichen Werkstätten aus, die außergewöhnlich lang von 1898 bis 1987 existierten. Jugendstilsammler wie Barbara Streisand besitzen Stücke von Hagenauer, deren Firmenarchiv leider verloren ging. Dementsprechend aufwendig waren die Recherchen zur Schau, die auch viele internationale Leihgaben zeigt.

Die stilistische Qualität der Exponate gestaltet sich als Achterbahnfahrt: Da nähert sich ein unter dem Firmengründer Carl Hagenauer produziertes Tintenfass mal der Eleganz der Wiener Werkstätten an, daneben stehen aber wieder spießige Messing-objekte. Sein Sohn Karl Hagenauer, ein Josef Hoffmann-Schüler, orientierte sich mehr am Art Decó, etwa für seine Kakteen-Kerzenleuchter. Er setzte Josephine Baker mit einer dynamischen Tänzerin ein kleines Denkmal, ließ aber auch seiner Fantasie für eine Kühlerfigur freien Lauf, die einem Marsmännchen gleicht. Mit der Beteiligung an der Pariser Weltausstellung 1925 erlebte Hagenauer einen ungeheuren Aufschwung und exportierte bald bis in die USA. Der Nachfolger Franz war wohl der kunstsinnigste Hagenauer, dessen glänzende Ovalköpfe an Brancusi und de Chirico erinnern. Aber auch putzige Holztiere aus der neuen Drechslerwerkstatt bereicherten die Produktpalette. Die Vitrine mit den afrikanischen Figuren veranschaulicht populäre Rassismen der 50er-Jahre: Edle Wilde finden dort neben dicklippigen Stereotypen Platz. NS

Wagner:Werk; bis 30.7.


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