Enthusiasmuskolumne  

A Tropfn Wossa in da Wüstn

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 24/11 vom 15.06.2011

Diesmal: Der beste Ambros-Song der Welt der Woche

Wolfgang Ambros ist ein oft grantiger und manchmal etwas sonderbarer älterer Herr; ein Kaiser, dem sein Reich abhandenkam und der das nicht so recht verstehen mag. Aber Ambros darf das. Er darf schimpfen, sich unverstanden fühlen und Platten veröffentlichen, auf die niemand gewartet hat. Denn Ambros war einmal ein wilder Hund, und er hat diese Wildheit im Österreich der 70er-Jahre in zeitgenössische Popmusik mit lokaler Färbung übertragen.

Nicht, dass er sie erfunden hätte. Da gab es den Qualtinger, den Bilik-Franz, den Danzer, die Worried Men Skiffle Group, den Golowin-Gulda und andere. Aber Ambros hat es wie kein Zweiter verstanden, die damals neue musikalische Sprache der Jugend ins Österreichische zu übersetzen.

Auf sein Konto gehen einige der besten Platten der österreichischen Popgeschichte - herausragend: "Es lebe der Zentralfriedhof“ von 1975; er hat die hymnentauglichsten Austro-Protestsongs der 70er gesungen ("Tagwache“, "Zwickt’s mi“, "Da Hofa“); er hat Bob Dylan mit dem Album "Wie im Schlaf“ grandios eingewienert, und er hat die berührendsten Selbstmordlieder des Austropop gesungen ("Heite drah i mi ham“, "Gezeichnet fürs Leben“).

Der größte Ambros-Song von allen aber ist ein Liebeslied: "Du bist wia de Wintasun“ aus seinem 1972 erschienenen Debütalbum "Alles andere zählt net mehr …“. Das Klavier deutet eingangs eine sanfte Ballade an; bereits nach dem ersten Refrain mutiert die "Wintasun“ aber zu einem psychedelisch gefärbten Beatsong, bremst unterwegs ab und schwillt wieder an. Der extraverschnupft intonierte Text aus der Feder von Joesi Prokopetz rührt auch beim hundertsten Hören: "Du bist a Tropfn Wossa in da Wüstn, a Goldstück unta Stana, du bist ois wia a Haund, de ausm Dreck mi außezaht.“ Was für eine Liebeserklärung!

Diese Woche feiert Wolfgang Ambros in der Arena sein 40-JahreBühnenjubiläum. Hoffentlich vergisst er die "Wintasun“ dabei nicht.


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