Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 24/11 vom 15.06.2011

jetzt noch ein blick nach eggenberg

Eggenberg selbst ist geprägt von Ruhe und Frieden. Der klassische Eggenberger schwingt sich hin und wieder auf sein Radel zum Bauernmarkt, sitzt im topgestylten neuen Schwimmbad und regt sich darüber auf, dass das Wasser nicht tief genug ist, um eine klassische Unterwasserwende zu vollführen, das heißt auch: um so richtig zu trainieren. Nicht ganz umsonst nennt sich Eggenberg in diesen Momenten gern "little Florida“, wegen der rasenden mentalen Vergreisung, die man also im Schwimmbad und vorm Hendlstand vor dem Supermarkt beobachten kann, immer versetzt mit Erzählungen darüber, wie es früher war, als noch marodierende (ja, dieses Wort wird in Eggenberg tatsächlich oft verwendet) Banden von Jugendlichen sich durch die Straßen jagten, in Tierheimen Schutz suchten und dann, als sie schon mal da waren, einen kleinen Hamster kauften, den sie dann am Eggenberger Sportplatz grillten und ohne Ketchup verspeisten, wovon noch heute gesprochen wird von einschlägigen Greisen. Genau so wie von dem Blutbad im früheren Schwimmbad, das der Bademeister jedem Kind, das nur in die Nähe des Sprungturmes wollte, in schillernden Farben vor Augen führte, sodass alle, noch wenn sie mit ihren letzten aufgedunsenen Pommes frites in der Hand die Augen schlossen unterm Handtuch, Bilder vor sich sahen, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgen würden.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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