Selbstversuch

Das hatte ich ganz vergessen gehabt

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 24/11 vom 15.06.2011

Nach drei Jahren wieder einmal in Zürich, und es ist herrlich. U.a. weil ich im Hotel wohnen darf, ganz allein in einem Zimmer, in einem versperrbaren Zimmer, in das in der Früh niemand hereinbricht, um die neuesten Abenteuer aus Gregs Tagebuch zu besprechen oder mir bitteren Blicks das in offensichtlich kindesmisshandelnder Absicht nicht gewaschene AC/DC-Leiberl unter die Nase zu halten. Und es liegt auch keiner herum, der jetzt sofort die EVN-Rechnung oder ein lustiges Youtube-Filmchen diskutieren will.

Das Hotelzimmer hat einen Nachteil; man muss aufstehen und sich anziehen, um an dringend benötigtes Koffein zu gelangen, das kann nach einem Abend mit Haemmerli, Higgs, Honzo und ein paar anderen Freunden, die man schon urlang nicht mehr gesehen hat, zum Problem werden. Nur Campolongo war leider gerade in Wien. Wir anderen waren in der Fischstube am See, fantastisch. Ich hatte vergessen gehabt, was für eine unglaubliche großartige Stadt Zürich im Sommer ist: eine Stadt, in der man beim Essen auf Segelboote schaut und auf türkises Wasser, das sich langsam dunkelblau färbt und dann schwarz, während drinnen die Kerzen angezündet werden und Haemmerlis Bruder noch eine Flasche Rotwein auf den Tisch stellt. Haemmerli hat ja, das weiß, wer seinen Film "Sieben Mulden und eine Leiche“ gesehen hat, einen Bruder, und der Bruder ist reizend und Koch, und er hat in dem Lokal seine Finger drin, was außerordentlich zu begrüßen ist. Er hat auch eine Kochsendung im Zürcher TV; ich konstatiere, nachdem ich kürzlich Tim Mälzer kennenlernte, eine TV-Koch-Häufung in meinem Leben. Was immer das bedeutet, solange ich nicht Andi & Alex in meine Familie aufnehmen muss, soll’s mir recht sein. Jedenfalls saßen und tranken wir dort bis Sperrstunde und überreizten hernach jene der Kronenhalle-Bar, und gegen zwei Uhr früh fand ich es schwierig, das Hotel auf Anhieb anzuradeln.

Zudem ist es, als man andernmorgens die Augen aufschlägt, so spät wie jeden Morgen, nämlich sechs Uhr früh. Der Organismus ist ein erbarmungsloser Wiedergänger. Himmelherrgott! Man macht die Augen wieder zu und döst mit Mühe bis acht. Wartet dann bis neun darauf, dass das Schädelweh nachlässt, und macht sich dann auf die Suche nach Kaffee. Und trifft sich hernach mit der Frau Kunst, die aus Venedig direkt in die Fischstube gerast war und jetzt auch Schädelweh hat, in der Badi Utoquai, um Allfälliges zu besprechen und sich - wozu hat man Freunde - gegenseitig beim Erinnern an den Vorabend zu unterstützen, bevor man, weil Katzen ja wasserscheu sind, in den See köpfelt. Uahhh, kalt; wenn man mir in Wien einen See baggern würde, ich taterte viel frischer aussehen. Ich hätte auch bessere Laune. Und wäre fitter. Apropos: Was wurde eigentlich aus dem Stadthallenbad? Sollte das nicht längst wieder geöffnet sein? Egal, einen See wie den in Zürich kann es doch nicht ersetzen.


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