Fragen Sie Frau Andrea

Skotopisches Sehen und Handyterror im Theater

Kolumnen | aus FALTER 24/11 vom 15.06.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

kürzlich wurde anderswo im Falter bekrittelt, dass immer mehr Festwochen-Besucher im Theater SMS empfangen und schreiben würden. Auch mich stört das Aufleuchten von iPhone-Displays in ansonsten abgedunkelten Zuschauerräumen seit längerem. Sie haben doch immer so gute Ideen, was könnte man denn dagegen machen? Ein Bühnentechniker hat mir von Störsendern abgeraten.

Lutz Berger (nicht per SMS aus dem Theater gesendet)

Lieber Lutz,

also wie jetzt? Nicht per SMS aus dem Theater gesendet? Das ist angesichts der von Ihnen berichteten Unsitte mutig! Eine Bernsteinfunkennachricht aus dem Musentempel kassibern! Chapöchen, Chapöchen! Sie sehen, ich stimme mich schon ein auf das Austeilen wutbürgerlicher Ratschläge. Sehen Sie in mir eine bedingungslose Verbündete im Kampf gegen die Lichtverschmutzung verdunkelter Zuschauerräume.

Das Aufblinken von Handydisplays shortmessagetippender Zuschauer ist deswegen so störend, weil wir Irritationen dieser Qualität meist aus dem Augenwinkel wahrnehmen. Blitzende und blinkende Lichtereignisse werden von den Randgebieten unserer Netzhaut weit stärker wahrgenommen, als von der Stelle des schärfsten Sehens in der Mitte der Retina. Verantwortlich für das skotopische (das Nacht- oder Dämmerungs-) Sehen sind die Stäbchen, das sind die lichtempfindlichen Photorezeptorzellen in der Netzhauptperipherie. Im Gegensatz zu den farbempfindlichen Zäpfchen in und um die Stelle des schärfsten Sehens können sie nur hell und dunkel wahrnehmen, dies aber umso besser. Leuchtende Handydisplays sind von der Evolution des Auges nicht berücksichtigt worden.

Was tun? Störsender können Netze stören, gegen aggressives Kleinbildschirmleuchten sind sie wirkungslos. Was also tun? Stehen Sie langsam und ruhig auf und begeben Sie sich zur Quelle des verbrecherischen Blinkens. Nehmen Sie der Person das Handy aus der Hand und werfen Sie es auf die Bühne. Schauspieler werden mit dieser Intervention gut umgehen können. Zwischenapplaus aus dem Publikum wird Ihnen gewiss sein. Vor Gewalttätigkeiten durch den Leuchtgangster schützt Sie die normative Kraft des Faktischen. Tipper sind ganz schlechte Schläger.


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