Neu im Kino

Rekonstruktion in die Vertikale: "Metropolis“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 25/11 vom 22.06.2011

Der Turmbau zu Babel ist nicht nur Gegenstand einer der irrsten Sequenzen in Fritz Langs nach wie vor bildgewaltigem Zukunftsentwurf "Metropolis“. Auch die beharrlichen Bemühungen in den letzten Jahrzehnten, das stark gekürzte Science-Fiction-Urspektakel seiner Premierenfassung von 1927 wieder anzunähern, haben etwas von der babylonischen Bauanstrengung an sich.

Entsprechend groß war die Aufregung, als vor drei Jahren im Museo del Cine in Buenos Aires eine fast vollständige Kopie des Films auftauchte: Die neue Rekonstruktion durch die Murnau-Stiftung, die nun auf der stattlichen Leinwand des Gartenbaukinos läuft, enthält über 20 Minuten Film (gerechnet bei 24 Bildern pro Sekunde), die seit Mai 1927 kaum jemand gesehen hat.

Die Illusion unversehrter Vollständigkeit stellt sich sympathischerweise trotzdem nicht ein, Spuren der Geschichte bleiben sichtbar: Da die entdeckte Kopie ein verschrammter 16-mm-Film war, fallen die "neuen“ Szenen und Einstellungen mit ihrer rauen Textur deutlich aus dem ansonsten lupenrein schimmernden Gesamtbild der bisherigen Rekonstruktion.

Dem visionären vertikalen Grundriss des Films, der permanent zwischen Reichenvierteln in der Luft und Proletarierelend unter Tag, Kathedralendach und Höhlenversteck auf und ab pendelt, fügen die neu einmontierten Szenen wenig hinzu. Stattdessen wird "Metropolis“ hier in die erzählerische Horizontale hinein erweitert. Die finale Flucht vor einer Überschwemmung packt jetzt echt, und drei bisher schwammige männliche Nebenfiguren erhalten ein schärferes Profil. Ein Ergebnis: So innig haben die vielen Männerumarmungen des Films noch nie gewirkt.

Ab Fr im Gartenbaukino


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