Kommentar  

Sitzenbleiben ist ein Versagen der Schule, nicht des Schülers

Bildung

Falter & Meinung | Ingrid Brodnig | aus FALTER 25/11 vom 22.06.2011

Nicht genügend, setzen! So muss man die schwarze Bildungspolitik beurteilen. Der Koalitionspartner kündigte zuerst mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) eine Reform der Oberstufe an. Künftig sollen Jugendliche nur noch mit vier Fünfern durchfallen. Jetzt ruderte die ÖVP zurück, über das Sitzenbleiben soll weiter diskutiert werden, Vizekanzler Michael Spindelegger will in der Debatte wieder an den Start.

Dieses Herumgeeiere ist nicht nur unprofessionell, es ist auch eine Frotzelei der Schüler. Die durften sich für einen kurzen Moment freuen, jetzt müssen sie wieder bangen. Sitzenbleiben ist eines der extremsten Beispiele einer veralteten Pädagogik. Das Schulsystem nimmt sich das Recht heraus, jungen Menschen ein ganzes Lebensjahr zu stehlen, weil diese Schüler angeblich fachlich noch nicht gut genug oder menschlich noch nicht reif genug seien.

Mit keiner anderen Bevölkerungsgruppe wird so herablassend umgegangen wie mit Kindern oder Jugendlichen. Wenn ein Schüler in mehreren Fächern negativ ist, müssen er und seine Eltern ganz allein die negativen Konsequenzen tragen. Sie müssen teure Nachhilfe zahlen oder ein weiteres Jahr in Schulbildung investieren. Den Lehrern drohen keine bösen Folgen - selbst dann nicht, wenn überraschend viele ihrer Schüler durchrasseln. In Finnland ist das anders. Da wird Sitzenbleiben nicht zuletzt als fehlende Leistung der Pädagogen oder der Schule gewertet.

Die ÖVP redet sehr gerne von Leistung. Aus diesem Grund sollte sie das Sitzenbleiben abschaffen oder erschweren: Dann müsste endlich über die Leistung der Unterrichtenden, nicht der Unterrichteten gesprochen werden.


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