Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 25/11 vom 22.06.2011

Lasst uns Mauern der Liebe bauen!

Linz sehr ähnlich. Ist auch sehr schön, und es fühlt sich unvorhersehbarer an als das hier, aber das liegt vielleicht an der Gewöhnung, oder auch an der Geschichte: Deutsche Forscher haben herausgefunden, dass sich direkt bei Linz vor 40.000 Jahren der Neandertaler und der Homo Sapiens gegenüber standen. Wie freundschaftlich das abgelaufen ist, können wir nur vermuten, jedenfalls haben wir auch ein paar Einsprengsel Neandertaler in uns, es ist also, wie Kommissar Derrick sagen würde, zur sexuellen Handlung gekommen. Zigtausend Jahre später wusste Aristoteles: Eine Stadt besteht aus unterschiedlichen Arten von Menschen; ähnliche Menschen bringen keine Stadt zuwege. Ähnlichkeit bringt Langeweile beziehungsweise: Abstoßung. Sonntagabend dann wieder in Graz, und es ist frappierend, wie leicht es ist, die Innenstadt mit Partyvolk vollzustopfen und es wie Jugendkultur aussehen zu lassen. Man merkt allerdings schnell, dass auch hier, bei dröhnenden Boxen und schwitzenden Kindern, Konflikte nicht ausbleiben. Eine tanzende Deutschlandsbergerin beißt in der Hitze des Gefechts um einen Platz in der ersten Reihe vor der Bühne einem Passanten, der nur über den Tummelplatz nach Hause gehen wollte, in den Hals. Die Nagls dieser Stadt haben schon recht: Wir brauchen eigene Partyzonen am Stadtrand, eigene Kinderzonen, eigene Hundezonen, eigene Fahrradzonen. Und drumherum, sagen wir es mit Rocko Schamoni: Wir brauchen eine Mauer der Liebe.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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