Fragen Sie Frau Andrea

Blut in Gassen und auf Wiesen

Kolumnen | aus FALTER 25/11 vom 22.06.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

gibt es auf dem Laaer Berg tatsächlich eine Blutwiese, deren Name auf ein

antisemitisches Pogrom zurückgeht, und falls ja, hat das sprichwörtliche "Auf die Blutwiesen“-Gehen etwas damit zu tun? Danke schön,

Josef Benjamin, Wieden,

per Gesichtsbuchdirektnachricht

Lieber Josef,

die mir zugänglichen Bücher sind mit Information bezüglich der Kombination Blutwiese - Laaer Berg - Pogrom unergiebig. Eine Bluadwiesn gab es in Wien überall dort, wo sich Burschen und junge Männer trafen, um die Fäuste sprechen zu lassen. Von einer Bluadwiesn auf dem Laaer Berg wissen die Schriften nichts.

Wenn man den Topos Laaer Berg etwas unschärfer fasst, kommt man etwas südlicher, noch in Raufhändelweite, zu einer überaus strengen Gegend, deren Bewohner zumindest mit Blutwiesentum etwas am Hut hatten, zur legendären Kreta nämlich. Das Grätzel am östlichsten Ende der Quellenstraße, im Westen von der Absberggasse, im Süden von der Ankerbrotfabrik, im Norden von der Gudrunstraße begrenzt, läuft im Osten in einen Abhang aus, an dem heute die Südosttangente verläuft. Die ehemalige Gstätten am Hang wurde von den Mitgliedern des Arbeiter-Schrebergarten-Vereins Favoriten urbar gemacht. Die Kreta, benannt in Anspielung auf die chaotischen Zustände, die nach dem Kreta-Aufstand von 1896 auf der griechischen Insel herrschten, galt als eines der ärmsten und wildesten Arbeiterviertel Wiens und könnte durchaus auch eine eigene Bluadwiesn für Raufereien und Abfeitelungen gehabt haben.

Gemetzel ganz anderer Art gaben den beiden Wiener Blutgassen ihre Namen. Die eine liegt in Heiligenstadt und wurde vom Volksmund so genannt, weil die Türken hier 1529 Gefangene niedergemetzelt haben sollen. Die andere Blutgasse liegt in der Inneren Stadt. Der Sage nach sollen hier 1312 die in päpstliche Ungnade gefallenen Tempelritter in ihrem Wiener Hauptquartier, dem Fähnrichhof, erschlagen worden sein. Das dabei geflossene Blut hätte die ganze Gasse rot gefärbt.

Der Massenmord vom 12. März 1421, der als "Wiener Geserah“ in die jüdische Geschichte einging und die Wiener Judengemeinde völlig auslöschte, hat indes zu keiner Straßenbenennung geführt.


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