Neu im Kino

"In einer besseren Welt“, der Oscarfilm von 2011

Lexikon | Barbara Schweizerhof | aus FALTER 26/11 vom 29.06.2011

Eine Gruppe von Schülern versperrt einem anderen den Weg; sie hänseln ihn, beleidigen ihn, stellen demütigende Forderungen für die Passage. Was soll der Einzelne tun? Davonlaufen? Erwachsene um Hilfe bitten? Kämpfen? Es ist eine Art Urszene der Gewalterfahrung. Als Kind oder Jugendlicher mag sie in der einen oder anderen Form fast jeder erlebt haben; als Erwachsener vergisst man, wie bitter und unlösbar eine solche Situation erscheinen kann.

In Susanne Biers oscarprämiertem Film wird der zwölfjährige Elias tagtäglich von Mitschülern drangsaliert. Der verschlossene Junge nimmt es hin, versucht, nicht weiter zu provozieren. Dann beobachtet der neu an die Schule gekommene Christian die Szene. Ihm, der grade seine Mutter verloren hat, funkelt die Wut auf die Welt förmlich aus den Augen. Er will sich nichts gefallen lassen - und schreitet ein.

Dieser Konflikt, der die Jungs in eine Art Gewaltspirale hineinzieht, bildet das Zentrum von "In einer besseren Welt“. Seine eindrückliche Wirkung aber bezieht der Film daraus, wie er sein Thema, die Gewalterfahrung, in weiteren Nebenhandlungen spiegelt und konterkariert. Da gibt es Anton, den Vater von Elias, der als Arzt in einem afrikanischen Flüchtlingscamp arbeitet, dort auf seine Weise Opfer eines "Tyrannen“ wird - und sich, wie Elias, zwischen Vermeidungsstrategie und Gewalteskalation entscheiden muss. Und da gibt es Claus, den Vater Christians, der die Zwiespältigkeit seiner Trauer um seine Frau, in der sich Kummer, Erleichterung und Verbitterung mischen, seinem Sohn nicht vermitteln kann.

Susanne Bier setzt ganz auf die Lesbarkeit von Gesichtern. Die Aufnahmen der einzelnen Blicke, die nachdenklich, verzweifelt oder entschlossen über das Gesagte hinausdeuten, webt der Film zu einem Netz aus unausgesprochenen Fragen, die auch nach dem allzu klassisch auf eine Katharsis hinsteuernden Ende ungelöst bleiben.

Ab Fr in den Kino (OmU im Votiv)


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