Ohren auf  

Neues vom konservativen Jazzclan Marsalis

Sammelkritik

Lexikon | Andreas Felber | aus FALTER 26/11 vom 29.06.2011

Die vor allem in den 90er-Jahren hitzig geführten Diskussionen um einen konservativen Jazzbegriff sind abgeebbt, der damit untrennbar verknüpfte Name Marsalis ist indessen mehr denn je ein Szenefaktor. "Jazz Clan“ titelte die April-Ausgabe des Magazins Down Beat, am Cover versammelte Pianist Ellis Marsalis (76) seine musizierenden Söhne Branford (50), Wynton (49), Delfeayo (45) und Jason (34) um sich.

Branford und Wynton Marsalis sind längst etabliert, Posaunist und Produzent Delfeayo Marsalis scheint im Begriff, zu ihnen aufzuschließen: Ganz im Sinn von Bruder Wynton unterzieht er mit Duke Ellingtons Shakespeare-Suite "Such Sweet Thunder“ aus dem Jahr 1957 gegenwärtig ein Opus aus der Jazzgeschichte einer Neuinterpretation. Ein riskantes Unterfangen, zumal Delfeayo in Oktettbesetzung zu Werke geht: "Sweet Thunder“ (Troubador Jazz) tönt denn auch phasenweise sehr dünn, andere Passagen überraschen durch quasi-orchestrale Wucht. Entscheidend für den insgesamt positiven Eindruck ist, dass sich die Solisten - nicht zuletzt Bruder Branford am Saxofon - in intensiven Soli doch immer wieder im Hier und Heute wiederfinden.

Branford Marsalis selbst nimmt aktuell in "Songs of Mirth and Melancholy“ (Marsalis Music) eine Auszeit von der Arbeit im Quartett und frönt mit Pianist Joey Calderazzo sensiblen Duogesprächen. Dichten, überzeugenden Stücken wie "Endymion“ und "Hope“ stehen hier Lieder ohne Worte gegenüber, in denen die beiden Schubert und Brahms beschwören, dabei allerdings blutleere Betulichkeit an den Tag legen.

Trompeter Wynton Marsalis hingegen präsentiert seine zweite Zusammenarbeit mit dem Countrysänger Willie Nelson. Auf "Here We Go Again“ (Blue Note) schunkeln die beiden unter Mithilfe von Norah Jones durch das Repertoire von Ray Charles. Das geht nur bedingt gut: Nelson wirkt diesmal wie ein Anhängsel des Marsalis-Sextetts, seinen rauen Sprechsingsang kann er nur ausnahmsweise in Country-Balladen wie "Cryin’ Time“ voll entfalten.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige