Kritik

Angewandte: die Webcam über der Stalltür

Lexikon | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Jede Zentralperspektive wird ausgelöscht, wenn Konrad Strutz seine digitale Kameramaschine hin und her fahren lässt. Sie nimmt jeweils nur ein Pixel in der Mitte des Bildes auf, wodurch beim fertigen "Foto“ kein Betrachterstand mehr zu rekonstruieren ist. Der Künstler vergleicht diese Technik, die in 16 Stunden ein Bild erzeugt, mit der Perspektive in der Ikonenmalerei. Wer die Jahresschau "The Essence 2011“ der Angewandten im Mak besucht und vor Strutz verweilt, findet auch als Pixel Eingang in seine Bildproduktion.

Es sind die digitalen Arbeiten, die in der heurigen Leistungsschau besonders fesseln. So macht etwa Kathrin Stumreichs Installation "Door augmented“ eine räumliche Gleichzeitigkeit an zwei Orten möglich: Wenn man ihre Tür öffnet, ist auf einem Bildschirm zu sehen, wie gleichzeitig live auf einer Tiroler Alm eine Stalltür knarrend aufschwingt. Leidenschaft für die Kombination von klassischer Hi-Fi-Technik und Digitalia zeigen mehrere Klangskulpturen. So etwa Jonas Bohatsch’ LP-Spieler, auf den Punkte projiziert werden, die die Plattennadel akustisch abzulesen scheint, oder auch Karl Saelmanns Klangloops mehrerer Plattenspieler, die eine Art Musique concrète erzeugen.

Eine faszinierend komplexe Anordnung hat sich Daniel Gyolcs einfallen lassen, der seine interaktive Bildreise in den öffentlichen Raum von Wien, Bratislava, Budapest und Prag auch mit Sound verbindet.

Die Jahresausstellung der Angewandten ist auch heuer wieder - wohl notgedrungen - eine sehr dichte Ansammlung. Es werden viele, allzu viele Projekte präsentiert, sodass sich der Betrachter entweder an dem breiten Spektrum ergötzen kann oder ärgern muss, dass der Fokus nicht noch enger gesetzt wurde. NS

Mak - Museum für angewandte Kunst, bis 17.7.


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