Vernissage

Am See: das seichte Paradies der Städter

Lexikon | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Es ist heute nur schwer vorstellbar, aber der Neusiedler See trocknete im Jahr 1865 völlig aus, und seine dauerhafte Trockenlegung wurde überlegt. Seit einem halben Jahrhundert wird der Wasserstand des Grenzsees bereits künstlich reguliert, da zuvor extreme Unterschiede herrschten. "Was heute als reine Naturlandschaft erscheint, ist in Wirklichkeit ein gezähmter Steppensee als Ergebnis menschlicher Eingriffe“, heißt es im Begleittext zur Ausstellung "Neusiedlersee - Das Meer der Wiener“ im Wien Museum. In der Landeskunde des 18. und 19. Jahrhunderts erntete der See begeisterte ebenso wie abwertende Einschätzungen.

Nachdem das damalige "Deutsch-Westungarn“ 1921 als neuntes Bundesland zu Österreich gekommen war, gewann das Burgenland für die Städter rasch an Attraktivität. Die für die Alpenrepublik ungewohnte Steppen- und Heidelandschaft rückte immer mehr ins Bewusstsein der urbanen Bevölkerung. Die Ausstellung zeigt etwa die gewagten Pläne, eine Schnellschwebebahn mit Propellerantrieb zwischen Wien und Rust zu installieren. Das Motiv von der "Schilfhütte mit Ziehbrunnen“ wurde zum typischen Bild der pannonischen Region. In den 50er-Jahren ermöglichte die private Motorisierung auch für Tagesausflügler den Badespaß, und auch Künstler wie Otto Muehl, Wander Bertonioder Gottfried Kumpf waren von der Gegend um den See fasziniert. Als Kraft gegen den Zustrom wirkten die Naturforscher, die schon in der Zwischenkriegszeit die Artenvielfalt des Neusiedler Sees entdeckten. 1954 wurde die erste biologische Station am Schilfgürtel bei Neusiedl errichtet. Der Konflikt zwischen touristischer Erschließung und ökologischer Erhaltung eskalierte 1970 um eine geplante Straßenbrücke über den See, gegen den auch Konrad Lorenz protestierte. NS

Wien Museum, Mi 18.30; bis 23.10.


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