Meinesgleichen

Zum Tode Otto Habsburgs

Falter & Meinung | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Otto Habsburg ist tot. Die Schlagzeilen "Der letzte Thronfolger“ (Kurier), "Der Sohn des letzten Kaisers“ (Krone), "Der letzte Kronprinz“ (Heute), "Letzter Kaisersohn“ (Österreich) entsprachen dem Anlass. Die Presse begründete mit "der letzte Habsburger“ ihre These, der große alte Otto habe den kümmerlichen republikanischen Kleingeist unserer Tage herausgefordert. Ein Kontrapunkt, wie ihn Volksstimme oder AZ gebildet hätten, existiert publizistisch nicht mehr, Antimonarchismus ist mangels gegnerischer Masse abgesagt. Das Staatsbegräbnis wird noch einmal den österreichischen Phantomschmerz artikulieren, der selbst unseren vielbeschworenen Kleinmut noch hypertroph erscheinen lässt.

Es stimmt schon, die Schwäche an Selbstbewusstsein unserer Republik wurde stets durch diese Figur konterkariert. Unbekümmert nahm Otto die reaktionärsten Positionen ein (ich darf das sagen, denn er begleitete meine Kindheit und Jugend als politischer Kommentator in den Vorarlberger Nachrichten und fiel in diesem damals scharf konservativen Blatt gewiss nicht durch Linksabweichlertum auf). Die österreichische Opferrolle war für ihn keine Geschichtslüge, sondern Tatsache, er selbst war ja das Opfer, denn er hatte den für ihn vorgesehenen Thron nie besteigen dürfen. Die europäische Einigung war für ihn der sublimierte Vielvölkerstaat, den man allerdings vor Ottos Zeit Vielvölkerkerker nannte. Als Kaiser kam Otto Habsburg zu spät; am Samstag wird er in der Kapuzinergruft beigesetzt.


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