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Bücher, entstaubt

Politik | Petra Sturm | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Von Bettlern und anderen Rollen

Wie gehen wir mit den neuen Formen des Bettlens um? Der Soziologe Erving Goffman (1922-1982) hat die Rahmenbedingungen, Interaktionsrituale, Verhaltensmuster unseres Alltags schon vor mehreren Jahrzehnten lebensnah erforscht. Sein Schluss: Der Bettler ist ein Selbstdarsteller des Alltagslebens wie wir alle. Gleich dem Studenten, dem Kellner oder der wartenden Frau auf der Bushaltestelle nimmt der Bettler seine soziale Rolle ein und steht in Interaktion mit jenen, die ihn "beobachten“. Er teilt sich, gewappnet mit den Behelfsmitteln des Schauspielers, der "Requisite und Repertoire“, die öffentliche Bühne mit dem Passanten, der sich ihrerseits Strategien für Ausweichmanöver und Ausreden zurecht legt. Goffmans Erstlingswerk (1959) ist gleichzeitig sein populärstes. Ein Soziologieklassiker, der uns mit unserer eigenen Rollenerwartung und -erfüllung konfrontiert - vor allem im nicht immer leichten Umgang mit Bettlern.

Erving Goffman: Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper, 272 S., € 8,95


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