Enthusiasmuskolumne  

Sterbensmüde vor lauter Freiheit

Diesmal: Das beste Biedermeier der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Das Bild zeigt eine humorvolle Szene aus dem Atelier des Künstlers. Während der Maler im Vordergrund im Lehnsessel eingeschlafen ist, haben sich seine Kinder über die Leinwand hergemacht. Der etwas ältere Bub tupft Farbe auf die Oberfläche, sein etwas jüngeres Schwesterchen betrachtet das Ergebnis mit prüfendem Blick.

Der Wiener Maler Josef Danhauser (1805-1845) malte dieses Bild vier Jahre vor seinem Tod; es ist nun in einer von Sabine Grabner kuratierten Ausstellung im Unteren Belvedere zu sehen. Als "Biedermeiermaler“ ist Danhauser dazu verdammt, für immer in der Hölle der Alt-Wien-Klischees zu schmoren. Dabei zeigen ihn Bilder wie "Der schlafende Maler“ als reflektierenden Zeitgenossen, der das große Thema künstlerischer Individualität in eine ironische Erzählung verpackt. Sie handelt von der Krise des akademischen Unterrichts mit seinen langweiligen Nachahmungen antiker Vorbilder. Die strenge Schule des Klassizismus sah das Abzeichnen von Gipsfiguren vor. Der romantische Künstler opponiert dagegen mit der Empfindsamkeit des Landschaftsbildes und dem alltäglichen Porträt.

Bereits in einem frühen Bild, dem "Scholarenzimmer eines Malers“ (1828), macht sich der Künstler über den Akademismus lustig. Da bohrt ein Student seinen Zeigefinger durch die Nase eines altniederländischen Porträts. Erst durch diese respektlose Geste haucht er der in lebloser Konventionalität erstarrte Szene Leben ein. Dreizehn Jahre später malt sich der Künstler als erschöpften Romantikveteranen.

Das von ihm begonnene Bild auf der Staffelei zeigt blaue Flecken, die ein Meer andeuten. Darüber deuten graue und beige Farben einen Himmel an. Die neue Freiheit, nicht mehr Autoritäten imitieren zu müssen, sondern nur mehr aus seiner Persönlichkeit zu schöpfen, hat ihn müde gemacht. Mit geschlossenen Augen hört er, wie die Kinder seinen Job machen. Er weiß: Gegen ihre Spontaneität hat der moderne Künstler keine Chance.


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