Prost!  

Obstverwertung in Ehren, aber man kann’s auch übertreiben

Lexikon der Getränke. Diese Woche: Dirndler

Stadtleben | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Die Getränkeabteilung birgt neben den Neuerscheinungen immer wieder Unbekanntes und Neuentdecktes. In qualitativer Hinsicht ist damit noch keine Aussage gemacht. Kürzlich trat der sogenannte Dirndler ins Blickfeld. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Most-Holunderblüten-Mix-Getränk, das auch kurz Most-Radler genannt wird. Dies sorgte auch für Verwirrung, denn da ist kein Hopfen drin, sondern hauptsächlich die vergorene Seele unzähliger Äpfel und Birnen aus dem Mostviertel (Alkohol: 2,6 Prozent).

Die Halbliterbüchse ziert eine folkloristisch aufgedonnerte Maid, die ihr kurzes Röckchen keck in die Breite spannt; die frechen Zöpfe grapschen ans Dekolletee, und die etwas ungewöhnlich anmutenden Overknee-Strümpfe machen das Bild für das Klischee "Bauer sucht Frau“ perfekt.

Das Getränk lässt die Faust im Nacken spüren - die feine Holunderblüte schreit zwar kurz mal auf, wird aber gleich in ein Meer von Fruchtsäure gestoßen. War der Most seit jeher ein essenzielles Schmiermittel für schier unglaubliche bäuerliche Kraftakte, sollte er sodann einerseits ein geschmähtes und andererseits auch wiederbelebtes Getränk werden. In Richtung Slowfood geht der Dirndler definitiv nicht. Welche Zielgruppe könnte sich die in Wels ansässige "Produkt-Schmiede“ in Zusammenarbeit mit der von EU-Mitteln finanzierten "Moststraße“ wohl ausgedacht haben? In den Presseunterlagen findet man Erstaunliches: Nicht-Most-Trinker und Jugendliche werden begeistert sein. Komatös! ms


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