Fragen Sie Frau Andrea

Blau die Glocke, Kaisers Tochter der Baum

Kolumnen | aus FALTER 27/11 vom 06.07.2011

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

in unserem Hinterhof sprießt seit kurzem ein seltsamer Baum mit riesigen Blättern. Ich bilde mir ein, diese Blätter an einem blau blühenden, weit ausladenden Exemplar am Donaukanal gesehen zu haben. Was ist das für ein Gewächs? Ist es gut, böse oder jenseits?

Liebe Grüße, Iz Neher,

per Gesichtsbuch-Direktnachricht

Liebe Iz,

es gibt nur einen Baum, auf den diese Beschreibung passt, und er ist sowohl gut als auch böse und eindeutig jenseits. Die Paulownia tomentosa oder Kaiser-Paulownie ist unter dem Namen Blauglockenbaum bekannt. Sie ist der einzige blau blühende Baum unserer Breiten. Er ist ursprünglich in China zu Hause. Dort galt seit altersher der Brauch, bei der Geburt eines Mädchens einen Blauglockenbaum zu pflanzen. Baum und Mädchen erblühten zur selben Zeit, wenn es ans heiraten ging, wurde der Baum umgeschnitten und aus seinem Holz die Mitgift der Braut geschnitzt.

Heute werden vor allem Musikinstrumente aus Blauglockenholz gesägt, Stromgitarren für den Export ebenso wie die japanische Wölbbrettzither Koto und ihr koreanisches Pendent, das Kayagûm. Der Baum produziert Flugsamen, die von den chinesischen Porzellanhändlern des 19. Jahrhunderts als Verpackungsmaterial verwendet wurden. Samen aus kaputten Transportkisten sind für das gehäufte Vorkommen von Blauglockenbäumen entlang US-amerikanischer Eisenbahnlinien verantwortlich.

Nach Europa brachte den Blauglockenbaum der Würzburger Naturforscher, Arzt und Japanologe Philipp Franz von Siebold. In niederländischen Diensten stehend benannte er den schnellwüchsigen Baum nach der holländischen Kronprinzessin und späteren Königin Anna Pawlowna. Der Blauglockenbaum war der Lieblingsbaum der Autoren Paul Celan und Ingeborg Bachmann (gut), von Sekten-Guru und Mörder-Hippie Charles Manson (böse) und vom österreichisch-ungarischen Monarchen Kaiser Franz Joseph (jenseits).

Viele der Bäume, die heute in den ehemaligen Kronländern des Kaiserreichs stehen, sind Nachfahren von Bäumen, die der Habsburger zum persönlichen Augenschmaus dort anpflanzen ließ. Den Rest besorgte der Wind, der Wind, das himmlische Kind und die Autorin dieser Zeilen.


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