Enthusiasmuskolumne

Einst vermessen, jetzt angemessen

Diesmal: Die beste Kolonialismuskritik der Welt der Woche

Feuilleton | Christopher Wurmdobler | aus FALTER 28/11 vom 13.07.2011

Sie habe ihren Turban absetzen müssen, beschwert sich die Frau. Und dass es nicht in Ordnung sei, ein Gesicht aus dem Dorf zu entfernen, wo es hingehöre. Im Jahr 1931 hat der deutsche Künstler und selbsternannte Anthropologe Hans Lichtenecker für sein "Archiv aussterbender Rassen“ Menschen in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika "anthroprometrisch“ vermessen. Er hat sie fotografiert, Gipsabgüsse ihrer Köpfe gemacht und - jetzt kommt’s! - Tonaufnahmen ihrer Stimmen angefertigt.

Jahrzehntelang lagerten die pseudowissenschaftlichen Tondokumente dieses schlimmen kolonialen Körperarchivs unbeachtet im Berliner Phonogramm-Archiv. Vor ein paar Jahren hat man die Tonaufnahmen entdeckt, digitalisiert und anschließend in Namibia transkribiert und übersetzt. Lichtenecker interessierte damals nicht, was die Leute in seinen Phonographen sprachen, es ging ihm nur um die Stimmen. Umso erstaunlicher ist jetzt, was die Frauen und Männer in Afrika vor 80 Jahren dem deutschen "Forscher“ erzählten. Sie beschwerten sich. Sie schimpften wie die Rohrspatzen, stellten sich selbst dar und protestierten gegen Lichteneckers Vermessungen.

Die verstörenden Dokumente zeigt nun das Museum für Völkerkunde, wissenschaftlich und künstlerisch aufgearbeitet von der Afrikanistin Anette Hoffmann in der kleinen Ausstellung "Was Wir Sehen“ (bis 19.9). Die Gipsabgüsse sind nicht zu sehen, dafür kommen Nachfahren der Abgemessenen in Videointerviews zu Wort, die bizarre Sammlung wird in einen historischen Kontext gestellt.

Genau so muss man solche Themen aufarbeiten, kuratieren und dem Publikum zeigen. Und die Magazine des Völkerkundemuseums sind voll mit derlei Dokumenten. Schade, dass die Institution derzeit kulturpolitisch sträflich vernachlässigt und unterdotiert ist. Von den Schausammlungen sind derzeit leider nur die - sehr sehenswerten - "Götterbilder“ öffentlich zugänglich.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige