Doris Knecht

Wo lassen die anderen ihre Kinder flicken?

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 28/11 vom 13.07.2011

Der WDR hatte mich eingeladen, in Köln live im Radio zu lesen. Ich sagte zu und übersah dabei, dass die Lesung an einem langen Wochenende stattfand. Ich fuhr also mit dem Auto aus dem Waldviertel eineinhalb Stunden nach Schwechat, flog nach Köln und fuhr mit dem Taxi in ein Hotel. Dann fuhr ich mit dem Taxi in das Radiostudio, las dort, fuhr mit dem Taxi wieder ins Hotel, übernachtete, nahm ein Taxi zum Flughafen, merkte dort, dass mein Wien-Flug gecancelt war, flog von Köln nach München, flog von München nach Wien, und fuhr dann mit dem Auto wieder eineinhalb Stunden ins Waldviertel. Die Lesung in Köln hat eine knappe Stunde gedauert. Ich habe ein paar nette Menschen kennengelernt, ein paar Bücher verkauft und einen ökologischen Fußabdruck ungefähr von der Größe des Waldviertels hinterlassen, in dessen Mitte ich danach völlig erschöpft meine biologischen Arche-Noah-Tomaten und den fünffärbigen Reinsaat-Bio-Mangold mit Regenwasser goss.

Das passte perfekt in diese Woche der Deplatziertheit. Es gibt nämlich übrigens, wie ich nun weiß, doch eine noch unangenehmere Art, geweckt zu werden, als von Pfauen und davon, dass um drei Uhr früh zwei Polizisten durch das eigene Schlafzimmer marschieren. Denn eins der Mimis war seines Blinddarms überdrüssig geworden und musste operiert werden, also legte sich die Mutter, die selber noch immer an mildem Hospitalismus infolge eines im Alter von fünf erlittenen vierwöchigen Krankenhausaufenthalts mit furchtbaren Elternbesuchszeiten laboriert, mit dem armen Kind ins AKH.

Darüber gibt es unter anderem zu berichten, dass sich dort in der Kinderchirurgie fast nur Patienten mit Migrationshintergrund behandeln lassen. Wo lassen die anderen Wiener ihre Kinder flicken, wenn denen etwas zustößt? Und warum gehen sie nicht ins AKH? Ich verstehe es nicht, weil das Kind dort extrem gut und liebevoll betreut wurde, sowohl medizinisch als auch sozial. Zum Beispiel sprachen alle Ärzte und Schwestern nicht, wie das an vielen anderen Stellen üblich ist, mit der Mutter, sondern befragten und informierten immer freundlich das Kind. Das sich darob sehr ernst und wichtig genommen fühlte, kichernd in den OP verschwand und den Spitalsaufenthalt unter "sehr nett“ verbuchte.

Die Mutter dagegen war nach zwei Tagen und zwei Nächten im Sechserzimmer nicht unfroh darüber, dass der Lange die letzte Nacht übernahm. Unter anderem, weil es, wie ich hiermit zur Kenntnis bringen kann, keinen geeigneten Gesichtsausdruck für eine Begleitmutter gibt, die um acht Uhr früh schnarchend, zerzaust, verschwitzt und nur mit leopardengemusterter Unterwäsche bekleidet in einem Krankenhausbett von Ärztinnen und Ärzten wachgestarrt wird, während das Kind offenbar seit Stunden heimlich fernsieht. Ich entschied mich spontan für ein betretenes Grinsen, das nicht erwidert wurde. Dem Kind geht es wieder bestens, danke.


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