Film Neu im Kino

Eine alltägliche Affäre: "Was will ich mehr“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 28/11 vom 13.07.2011

Das Glück, hat einst schon Rainer Werner Fassbinder notiert, ist nicht immer lustig: Anna (grazil: Alba Rohrwacher) ist zufrieden mit ihrer Lebensroutine zwischen Versicherungsjob, Verwandtschaft und bravem Lebensgefährten, bis ihr der Familienvater Domenico (viril: Pierfrancesco Favino) über den Weg läuft. Für heimlichen Sex im Motel setzen beide das Vertrauen ihrer Angehörigen aufs Spiel. Zu einem gemeinsamen Neuanfang können sie sich, scheint es, trotzdem nicht durchringen.

"Was will ich mehr“ heißt der Film. Das ist wohl selbstfindungstherapeutisch gemeint, lässt sich aber auch materialistisch lesen: Die Affäre zwischen Anna und Domenico wirft nämlich nicht so sehr Fragen der Moral auf als solche der Ökonomie. Das Begehren wächst zu Beginn gerade durch den Mangel an Gelegenheiten, miteinander allein zu sein, am Ende werden die bescheidenen Finanzen zum Hemmschuh der Beziehung.

Silvio Soldini, der sich schon mit dem Überraschungserfolg "Brot und Tulpen“ einen Namen als Chronist mittelständischer Ausbruchsversuche machte, inszeniert Annas Erlebnisse betont alltagsnah, mit auf Wiedererkennbarkeit angelegten Soziotypen und unaufdringlich mobilen Kamerabewegungen durch Mailänder Milieus: eine Geschichte wie im Freundeskreis aufgeschnappt und in der Stammbar weitererzählt. Soldini geht dabei einnehmend fair vor (auch die Partner haben ihre Momente) und diskret noch in Echtzeit-Sexszenen. Besonders mitreißend oder eindringlich ist sein Zweistünder aber nicht geraten, weder in der Schilderung des Alltags noch der ihn durchbrechenden Obsession. Das Glück ist nicht immer lustig. Aber ein wenig überwältigender sollte es sich schon anfühlen.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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