Film Noch im Kino

"In einer besseren Welt“, der Oscarfilm von 2011

Lexikon | Barbara Schweizerhof | aus FALTER 28/11 vom 13.07.2011

Eine Gruppe Schüler versperrt einem andern den Weg; sie hänseln ihn, beleidigen ihn, stellen demütigende Forderungen. Was soll der Einzelne tun? Davonlaufen? Erwachsene um Hilfe bitten? Kämpfen? Es ist eine Art Urszene der Gewalterfahrung. Als Kind oder Jugendlicher mag sie in der einen oder anderen Form fast jeder erlebt haben; als Erwachsener vergisst man, wie bitter und unlösbar eine solche Situation erscheinen kann.

In Susanne Biers oscarprämiertem Film wird der zwölfjährige Elias täglich von Mitschülern drangsaliert. Der verschlossene Bub nimmt es hin, versucht, nicht weiter zu provozieren. Dann beobachtet der neu an die Schule kommende Christian die Szene. Ihm, der gerade seine Mutter verloren hat, funkelt die Wut auf die Welt förmlich aus den Augen. Er will sich nichts gefallen lassen - und schreitet ein.

Dieser Konflikt, der die Burschen in eine Art Gewaltspirale hineinzieht, bildet das Zentrum von "In einer besseren Welt“. Seine eindrückliche Wirkung aber bezieht der Film daraus, wie er sein Thema, die Gewalterfahrung, in weiteren Nebenhandlungen spiegelt und konterkariert. Da gibt es Anton, den Vater von Elias, der in einem afrikanischen Flüchtlingscamp arbeitet, dort auf seine Weise Opfer eines "Tyrannen“ wird - und sich, wie Elias, zwischen Vermeidungsstrategie und Gewalteskalation entscheiden muss. Und da gibt es Claus, den Vater Christians, der die Zwiespältigkeit seiner Trauer um seine Frau, in der sich Kummer, Erleichterung und Verbitterung mischen, seinem Sohn nicht vermitteln kann.Susanne Bier setzt ganz auf die Lesbarkeit von Gesichtern. Die Aufnahmen der einzelnen Blicke, die nachdenklich, verzweifelt oder entschlossen über das Gesagte hinausdeuten, webt der Film zu einem Netz aus unausgesprochenen Fragen, die auch nach dem klassisch auf eine Katharsis hinsteuernden Ende ungelöst bleiben.

Weiterhin in den Kino (OmU im Votiv)


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