Mediaforschung  

Herr Mittmannsgruber, warum malen Sie Plakate rot an?

Nachfragekolumne

Medien | Wolfgang Zwander | aus FALTER 29/11 vom 20.07.2011

Werbung hat die Aufgabe, Aufmerksamkeit zu erregen. Weil das immer schwieriger wird in Zeiten, in denen unsere Sinnesorgane längst abgestumpft sind gegen die Reklame-Hyperinflation, wird auch der Kampf um Aufmerksamkeit immer härter. Die Firma Gewista, der Fast-Monopolist unter den Werbeflächen-Vermietern in Wien, hat auf diese Malaise eine womöglich zukunftsweisende Antwort gefunden: Weg mit der Werbung!

Knallrote Pinselstriche verdecken im Zuge der Aktion "Paint The Town Red“ 500 Plakatstellen in ganz Wien. Die Rathaus-Opposition soll dem Vernehmen nach unken, dass die rote Einfärbung der Plakate aufgrund des "Nahverhältnisses zwischen SPÖ und Gewista“ nur ein längst fälliger Ausdruck von Ehrlichkeit sei. Bei der Gewista beharrt man aber darauf, dass es sich bei den übermalten Werbeflächen um ein Projekt des Künstlers Otto Mittmannsgruber handle.

Wozu das Gekrakel? Laut Gewista-Pressestelle erfüllen die mutierten Plakate "zwar ihre ursprüngliche Funktion nicht mehr, werden aber durch die künstlerische Verfremdung zu Trägern einer neuen Botschaft“. Mittmannsgruber wolle mit der Aktion einen Appell an die Bürger Wiens richten: "Die Menschen werden aufgerufen, sich als Subjekt im Medienraum zu positionieren und selbst den Pinsel in die Hand zu nehmen.“

Auf die Frage, was die Polizei zu diesem Aufruf sagt, kann die Gewista keine Antwort geben. Die von der Übermalung ihrer Werbeflächen betroffenen Unternehmen Unicredit-Bank Austria, Wiener Städtische Versicherung, Konica Minolta Business Solutions Austria und Taxi 313 00 seien aber jedenfalls sehr angetan von der Kunstaktion. Das sagt viel aus über das Image von Werbung in der Gegenwart: Erfolgreiche Reklame muss sich offenbar selbst verleugnen.


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