Selbstversuch

Ich gehe einfach nicht mehr in die Küche

Doris Knecht  | Kolumnen | aus FALTER 29/11 vom 20.07.2011

Ich habe den Mimis gesagt, Folgendes: Es gibt jetzt im Sommer nur noch einmal am Tag warmes Essen. Die Kinder haben mich so angeschaut. Wie jetzt. Was soll das heißen: einmal am Tag. Darf man das überhaupt? Ich habe gesagt, erstaunlicherweise ja, es gibt ab jetzt also entweder Mittagessen und am Abend eine Jause oder Abendessen, und zu Mittag könnt ihr ein Honigbrot haben und Äpfel. Zu nix dazu? Genau.

Die Sache wird nach zwei Wochen Kroatien mit den Horwaths nicht unbedingt einfacher zu vermitteln. Obwohl es, wenn man mit dem Horwath ein Haus teilt, auch nicht zweimal am Tag warmes Essen gibt. Sondern dreimal. Oder viermal, weil der Horwath nach neun Jahren Vaterschaft noch immer das auch von den Mimis vehement eingeforderte pädagogische Konzept vertritt, dass man zu seinem Kind niemals Nein sagen und ihm nie einen Wunsch abschlagen darf. Wollen die Kinder, nachdem man gerade sieben frisch gefangene Branzinen direkt vom Fischer gekauft hat, lieber Pizza, kriegen die Kinder Pizza.

Ich habe längst aufgehört, in solchen Situationen Einwände zu formulieren, weil der Horwath so etwas nicht einmal ignoriert: Wer ist eigentlich die unangenehme Frau, die mit ihrem Geseier allen so unwahrscheinlich auf den Geist geht? Mache ich nicht mehr. Habe ich schon vor zwei gemeinsamen Urlauben aufgehört. Ich gehe einfach nicht mehr in die Küche und freue mich dann über vielfältiges Abendessen aus Salami-Pizza und Fischen vom Blech mit Rosmarinerdäpfeln und Fisolen. Schmeckt super, Horwath.

Aber jetzt sind wir wieder allein in unserem eigenen Haus, und ich empfinde gegenüber den Vorgängen rund um die Nahrungsaufnahme einen akuten Unwillen. Ich will nicht nur nicht mehr jeden Tag kochen. Ich will auch das Essen nicht immer so zelebrieren. Ich würde jetzt manchmal gerne wieder wie früher leben, wo das Abendessen auch einmal aus einem kalten Frankfurter aus dem Kühlschrank bestand, das man im Vorübergehen verspeiste (das Würstel sollte von der Metzgerei Metzker in Hernals sein!), oder einem fetten Radl Salami und einem Brocken Käse. Einer Dose Sardellen mit altem Brot, einer aufgerissenen Semmel mit dick Butter und Marmelade hineingeschmiert oder, was man sich seit Jahren aus Stilgründen untersagt, fünf Toasten mit Dosenjagdwurst, während man im Internet herumsurft und sich die fettigen Finger an der Hose abstreift.

Ich würde einfach gern mal wieder eine Zeitlang nicht mehr so viel Wert aufs Essen legen, einfach etwas gegen den Hunger einschieben, nicht immer jede Mahlzeit so feiern, nicht mehr jeden Tag dreimal schön kochen, dreimal Tisch schön decken, schön Beilagen aufhäufeln, schön speisen, schön konversieren, abräumen, abwaschen. Einfach nur verpflegen, im Vorübergehen, komplett asozial. Wann gibt es heute Essen? Dann, wenn du dir was aus dem Kühlschrank nimmst. Und ja, manchmal darf man das.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige